Jauchzet. Frohlocket. Alles Elend liegt hinter uns. Sie merken es nicht? Das kann überhaupt nicht sein, es steht doch in der Zeitung und selbst bodenständige Geringverdiener im Kabinett und in vielen Vorstandsetagen sonnen sich im Glanze subventionierter Margenausweitungen. Also: Kopf hoch!

Kostensenkungen durch staatliche Zuschüsse zu Gehältern, temporäre Vermeidung von Pleiten durch nicht haltbare Finanzgarantien und die Stützung von Banken und des gesamten Versicherungssektors durch langfristig nicht finanzierbare Verschleppung von Staatsinsolvenzen per Zentralbankakrobatik, welch schmackhaftes Gericht. Das Ganze wird garniert mit der Verpfändung zukünftiger Steuereinnahmen für natürlich niemals greifende Bürgschaften, die scheinbar nur der guten Laune halber unterzeichnet wurden. Diese ganze Agenda ist natürlich rein gar nichts gegen die großartigen Leistungen, mit denen uns die Kapitäne durch die Krise geschifft haben. Ob es der einen oder anderen Postille noch auffällt, wie die Margen der Unternehmen zustande kommen? Ob es verboten ist, darauf hinzuweisen, dass eine Bank dann Geld verdient, wenn Menschen geliehenes Geld zurückzahlen – ein Geschäftsmodell also, das eher auf der Leistung anderer Menschen fußt als auf einer besonderen Kreativität? Wertschöpfung sieht jedenfalls anders aus.

Vielleicht ist dies ja eine mögliche Erklärung dafür, warum vielerorts die Aussage, die Krise sei beendet nur noch mit einem gequälten Lächeln quittiert wird. Aller globalen Toleranz zum Trotz wird in Europa nun einmal kein Kuchen gebacken, wenn in Hoi An der Stundenlohn auf €1,50 steigt. Wer die Kosten des Spektakels zu tragen hat, bei dem hält sich die Freude in engen Grenzen. In den USA sagen laut Gallup derzeit mehr als 80% der Bürger, die Rezession halte an.

Angesichts der Essensmarkenstatistik und weiterer Armutsindikatoren kann dies nicht verwundern, Transferleistungen sind der Wachstumsmarkt in Übersee. Mittlerweile hat der Anteil des Staates an den persönlichen Einkommen der Bürger die Marke von 30% überschritten, der Großteil besteht aus direkten Zahlungen.

Wir halten fest: Die USA ist nicht in der Lage, sich ohne massive Auswirkungen auf die langfristigen Zinsen über den Markt zu refinanzieren, daher „monetarisiert“ sie große Teile der Neuverschuldung, sie lässt vereinfacht gesagt, das nötige Geld drucken. Mit diesen Mitteln werden jede Menge Löcher gestopft und die Ökonomie künstlich über Wasser gehalten. Unterdessen steigt der Anteil der Transferleistungen, die direkt von Uncle Sam an die Bürger überwiesen werden, eine ebenfalls künstliche Gehhilfe für den US-Konsum. Achtzehn Prozent der persönlichen Einkommen, das ist auf den ersten Blick etwas abstrakt. In Zahlen handelt es sich um rund $3.700 Mrd. – kein Pappenstiel. Zum Vergleich, der Gesamtumsatz von Wal-Mart in den Staaten lag im vergangenen Jahr bei $305 Mrd. die Umsätze des Onlinehändlers Amazon in Nordamerika  liegen bei schmächtig wirkenden $13 Mrd. und der gefeierte Elektrohöker mit dem Obstlogo weist für Süd- und Nordamerika gemeinsam nur rund $18 Mrd. aus. Dreikommasiebenbillionen sind also – wie der Amerikaner sagt – real money.

Nun, die Beurteilung, ob die Krise vorbei ist, ob es jemals eine gab oder ob sie erst so richtig beginnt, ist wohl eine Frage, die zu Antworten führt, die sich von Betrachter zu Betrachter deutlich unterscheiden. Die Chefs des oben erwähnten, größten US-Einzelhändlers Wal-Mart jedenfalls legten kürzlich ein ebenso interessantes wie erschreckendes Zeugnis ab. Die Führungskräfte sehen das Verhalten der US-Konsumenten als eine Art Mikrokosmos der US-Wirtschaft an, was angesichts der Größe des Unternehmens als durchaus berechtigte Einschätzung gelten darf.

Die Damen und Herren sprechen die offensichtlichen Probleme der Kunden klar an.

“I don’t need to tell you that our customer remains challenged. . .

You need not go farther than one of our stores on midnight at the end of the month. And it’s real interesting to watch, about 11 p.m. customers start to come in and shop, fill their grocery basket with basic items -- baby formula, milk, bread, eggs -- and continue to shop and mill about the store until midnight when government electronic benefits cards get activated, and then the checkout starts and occurs. And our sales for those first few hours on the first of the month are substantially and significantly higher.

Das Verhalten der Konsumenten ist in der Tat aufschlussreich. Um elf Uhr einkaufen gehen und um 12 zur Kasse schreiten, weil dann die Transferleistung eingebucht wurde. Müssen Sie auch gerade an die Talkshows aus den Neunzigern denken, die den Vorbildcharakter der US-Wirtschaft zum Thema hatten?  

(Bloomberg) “And if you really think about it, the only reason somebody gets out in the middle of the night and buys baby formula is that they need it and they’ve been waiting for it. Otherwise, we’re open 24 hours; come at 5 a.m., come at 7 a.m., come at 10 a.m. But if you’re there at midnight, you’re there for a reason.”

Der Chef der Kette Dean Foods, Gregg Engels, zeichnet ein ähnliches Bild.

(Bloomberg) Simon’s remarks are similar to comments from Dean Foods CEO Gregg L. Engles during an earnings call in early August.

Regarding trends in fluid milk volumes, Engles said, “There are people who are big consumers in this category that are just running out of money starting at end of the month.”

Wenn das die große Konsummacht ist, die sich gerade am eigenen Haarschopf aus dem Sumpf zieht und die Krise überstanden hat, dann wirft das schon einige Fragen auf. Unter anderem ist von diesen Betroffenen nicht zu erwarten, die Krise für beendet zu halten.

Ein Blick auf die Veränderung der Haushaltseinkommen in den Jahren bis zum Krisenbeginn sorgt für mehr Klarheit.

Die eine oder andere Schicht hat offenbar einen gar nicht bescheidenen Puffer aufbauen können, der eine Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage nicht auf das persönliche Ausgabeverhalten durchschlagen lässt. Da reicht es dann auch in der Rezession für den Design-Honigschlegel aus massivem Weichholz für 237 Euro.

Angesichts der Niveaus können sich einige das Gedränge in der jeweils letzten Mitternacht des Monats an der Supermarktkasse sparen. Die sozialen Spannungen in den USA dürften gerade vor dem Hintergrund einer wachsenden Zahl kommunaler Pleiten und den damit verbundenen Verlusten öffentlicher Dienstleistungen und Pensionszahlungen zunehmen. Gleiches gilt für die eingeschlagene Tendenz bei den Transferleistungen. Obwohl sich die Staaten diese schon jetzt nicht mehr leisten können, können sie es sich auch nicht leisten, sie sich nicht zu leisten. Ein echtes Dilemma.

Während – wie das ja auch in der BRD zu beobachten war – die absoluten Gehaltseinbußen beim einen oder anderen hoch gewesen sein können, trifft es in der vergleichenden Betrachtung die unteren bis mittleren Einkommen in der Regel am härtesten. Verstärkt wird die Sprengkraft einer solchen Entwicklung durch einige nicht sonderlich witzige Stilblüten. So hat zum Beispiel das entweder auf Fahrlässigkeit oder schlichter Unfähigkeit begründete Versenken eines Geldinstutes für die meisten so genannnten „Entscheider“ bekanntermaßen geringere Folgen für den persönlichen Wohlstand als das Verspeisen einiger der Entsorgung zugedachter Maultaschen für Angestelle im Einzelhandel. Man darf sich angesichts dieser Verhältnisse schon wundern, warum der Unmut vieler Menschen sich diesseits des Atlantiks bisher noch auf den Streit um die Visionen des Bahnbaumeisters Max Maulwurf beschränkt.