Im Sommer 2014 bestieg ich in Peking die transmongolische Eisenbahn und begab mich auf die 9000 Kilometer lange Reise von der chinesischen Hauptstadt nach Moskau. Wie es der Streckenführung entspricht, ging die Reise auch entlang der sibirischen Grenzregionen zur Volksrepublik, wo auf chinesischer Seite mehr Menschen leben, als in ganz Russland zusammen, während auf der russischen Seite menschenleere Regionen, die auch noch Bevölkerung verlieren, liegen.

Nach einem Zwischenstopp in Ulan-Ude, der fernöstlichsten Stadt Russlands, schrieb ich einem Artikel:

In der Fußgängerzone haben auch einige chinesische Händler Stände errichtet. Es handelt sich überwiegend um junge Leute, die aus der Volksrepublik angereist sind. Ein klein gewachsener Mann, der seine langen Haare zum Pferdeschwanz gebunden hat, schaut überall gebieterisch nach dem Rechten. Arkadi (ein junger Reporter der Lokalzeitung) bestätigt, dass die Anzahl der Chinesen sich in Grenzen hält. Aber in der Bevölkerung russisch-europäischen Ursprungs gehe der Spruch um:
Heute ist es ein gelber Tropfen, morgen ist es das Gelbe Meer.
"

Dieser Spruch versinnbildlicht zum Teil das Verhältnis zwischen Russen und Chinesen, sowie deren historisch höchst wechselhafte Geschichte. Inzwischen haben sich beide Staaten aber so stark angenähert, dass man von einem neuen globalen Machtblock sprechen kann, von einer beträchtlichen Potenz, die dort entsteht.

Schulterschluss zwischen Moskau und Peking

Auf einem Treffen der Außenminister Sergej Lawrow und Wang Yi in der südchinesischen Stadt Guilin wurden Maßnahmen zur Stärkung der finanziellen Unabhängigkeit besprochen. Lawrow erklärte dabei die Abkehr vom internationalen Zahlungssystem. China und Russland sollten ihre

"technologische Unabhängigkeit stärken, auf Abrechnungen in nationale Währungen und in Weltwährungen umsteigen, die eine Alternative zum Dollar darstellen“,

ließ der russische Außenminister verlautbaren.

Das Treffen fand unmittelbar nach der frostigen Begegnung in Alaska statt, zwischen den Außenministern der USA und der Volksrepublik China, welche inzwischen als gescheiterter Gipfel angesehen wird.

Weg vom Dollar und der EU

Russland reagiert auf die verschärften westlichen Sanktionen, sowie auf die umstrittenen "Killer"-Äußerungen von US-Präsident Joe Biden gegenüber Russlands Präsidenten Wladimir Putin.

Allerdings sieht sich Russland alleine nicht im Stande, sich von den westlichen Zahlungssystemen abkoppeln zu können. 2015, nach der Krim-Annexion, wurde dieser Versuch schon einmal unternommen, weil damals die Drohung der Abschaltung Russlands vom weltweiten System für Finanztransaktionen SWIFT im Raum stand.

Moskau hatte daraufhin die eigene Kreditkarte "MIR" als Konkurrenz zu Mastercard und Visa herausgegeben, von denen es inzwischen 95 Millionen in Russland gibt, welche aber international kaum gebräuchlich sind. In Kooperation mit der Volksrepublik soll dieses Unterfangen aber jetzt eingeleitet werden.

Lawrow begründete diesen Schritt damit, dass der Westen mit allen Mitteln, unter anderem der Verfälschung von Werten, seine Dominanz wahren möchte. Peking und Moskau haben sich daher entschlossen, ihre Kräfte zu bündeln.

Die Kritik des Außenministers an der Politik des Westens im Allgemeinen, wurde durch eine scharfe Kritik an der EU im Speziellen ergänzt.

"Es gibt keine Beziehungen zur Europäischen Union als Organisation, die gesamte Infrastruktur dieser Beziehungen wurde durch einseitige Entscheidungen Brüssels zerstört.“

Unter anderem bezog sich der russische Chefdiplomat damit auf die von der EU verhängten Sanktionen nach dem Anschluss der Krim. Die neue Eiszeit zwischen Brüssel und Moskau wird von gegenseitigen Vorwürfen angeheizt. Der EU-Außenvertreter Josep Borrell warf Lawrow vor "Kurs auf Konfrontation" zu nehmen. Der Vizechef des Föderationsrats, Konstantin Kossatschow, entgegnete darauf, dass "EU-Beamte und Europaabgeordnete, das Verhältnis zu Russland in eine ausweglose Sackgasse manövriert" haben.

Nervosität in den NATO-Staaten

Die NATO-Staaten reagierten darauf mit einem Treffen ihrer Außenminister in Brüssel, auf dem krampfhaft Entschlossenheit demonstriert werden sollte, wobei die Nervosität der Teilnehmer nicht zu übersehen war. Jörg Kronauer schrieb diesbezüglich:

Und die NATO? Sie protzt, prahlt, rüstet massiv auf. Ihre Außenminister haben jetzt beschlossen, ein neues »Strategisches Konzept« zu erstellen: Das aktuell gültige stammt aus dem Jahr 2010, also noch aus der Zeit, in der das Bündnis vor allem auf Einsätze wie denjenigen in Afghanistan orientierte. Seit 2014 nimmt die NATO jedoch bekanntlich wieder Großmächte stärker ins Visier, nicht nur Russland, sondern auch China. Dem soll nun ein neues Grundsatzpapier Rechnung tragen. Die Zeichen stehen auf Eskalation. Dabei kann, das sollte man nicht übersehen, die angeblich »stärkste Allianz in der Geschichte« seit Jahren keine Erfolge mehr vorweisen; jüngstes Beispiel ist ihr Scheitern in Afghanistan.

"Was bedeutet das konkret für mich!?"

Ob die NATO ihren Zenit überschritten hat, oder ob die Allianz zwischen Moskau und Peking eine neue Weltordnung einleitet, diese Fragen wird uns die Geschichte beantworten. Sicher ist auf jeden Fall, dass Russland und China zusammen einen riesigen Markt bilden, von etwa 1,5 Milliarden Menschen, also doppelt so viel, wie EU und USA zusammen. Moskaus Blick nach Asien findet Zustimmung in der Bevölkerung. So halten jüngsten Umfragen zufolge nur noch 29 Prozent der Russen ihr Land für ein europäisches Land. 2008 waren es noch 52 Prozent. Sich selbst sehen sogar nur noch 27 Prozent der Russen als Europäer.