Guten Tag Herr Dr. Ganser. Ich heiße Sie zu diesem Cashkurs-Interview herzlich willkommen und freue mich sehr darüber. Sie sind Historiker, Autor und Dozent an der Universität St. Gallen. Sie haben sich auf die Geheimarmeen und die verdeckte Kriegsführung der NATO spezialisiert, worüber Sie 2005 auch Ihre Dissertation veröffentlichten. Warum interessiert Sie diese Thematik, was finden Sie daran besonders spannend finden?

Es ist ein ungewöhnliches Forschungsfeld für einen Historiker. Es gibt nur wenige Historiker in Deutschland, Österreich oder in der Schweiz, die sich mit dem Thema „Verdeckte Kriegsführung“ beschäftigen. Als ich noch als junger Student an der Universität Basel Geschichte studiert habe, gehörten die Antike, das Mittelalter, die Industrielle Revolution oder die Weltkriege zum Pflichtprogramm. Aber ich habe dann festgestellt, dass für die letzten 60 bis 70 Jahre, so etwa 1945 bis heute, ein Aspekt der internationalen Politik total unter den Tisch fällt. Und das ist das Gebiet der verdeckten Kriegsführung. Es gab keinen einzigen Professor, der das abgedeckt hat. Niemand hat den CIA-Putsch in Chile 1973 erklärt, oder was der KGB im Warschauer Pakt getrieben hat. Wie der britische Geheimdienst MI6 die Politik in Libyen beeinflusst hat. Das gab es einfach nicht und weckte deshalb auch in besonderem Maße meine Neugier.

Und warum gab es das nicht? Mussten Sie sich dann sozusagen nicht alles selbst beibringen?

Ich habe meine Professoren gefragt, warum es das nicht gab, und sie antworteten, weil die Quellenlage so schlecht sei. Es sei schwer nachzuzeichnen, was die Geheimdienste im Bereich Verdeckte Kriegsführung oder Spezialeinheiten des Militärs machen. Dann habe ich gesagt, dass das Bild eigentlich falsch sein müsste, wenn wir es gar nicht behandeln. Dann ist es ja so, als ob es das überhaupt nicht gibt. Mein Ziel im Rahmen meiner Doktorarbeit war es, diese Forschungslücke zu füllen. Ich wusste, dass es in Amerika, England und Israel viele Forscher gibt, die in diesem Bereich der verdeckten Kriegsführung arbeiten. Denn diese drei Staaten betreiben auch sehr aktiv verdeckte Kriegsführung. Und dann habe ich die Forschungsresultate aus diesen drei Ländern studiert, was ich überaus spannend fand.

Ein zentraler Begriff bei den NATO-Geheimarmeen ist "Stay-behind". Was genau wird darunter verstanden?

In den Jahren von 1945 bis zum Fall der Mauer 1989 war der Kalte Krieg dominant. Zu dieser Zeit herrschte die Angst bei der NATO, dass der Warschauer Pakt Westeuropa mit Panzern überrollen könnte. Für diesen Fall wollten die Militärstrategen vorbereitet sein. Sie sahen die Notwendigkeit eine Guerillastruktur aufzubauen, und das nennt man „Stay behind“. Es bedeutet „Hinten bleiben“. Das hört sich zunächst komisch an. Warum sollte man hinten bleiben wollen? Bei einem Rennen will ja auch niemand hinten bleiben. Aber im Kalten Krieg war die Idee, dass man sich durch feindliche Kräfte überrollen lassen und dann als Partisane untertauchen sollte, um auf besetztem Gebiet einen Guerillakrieg zu führen. Das bedeutet Sprengungen durchzuführen, wie z.B. an Brücken oder abgeschossene Piloten zu retten, sie an die Küste bringen usw. Damit soll ein Teil der Kräfte der Besatzungsmächte gebunden werden. Das ist eine Technik, die man im Zweiten Weltkrieg beobachtet hat. Sie wurde „Resistance“ genannt, was Französisch ist und Widerstand bedeutet.

Wer hat diese Strukturen wo aufgebaut? Und welche Problematiken resultierten daraus für das demokratische System?

Der amerikanische Geheimdienst CIA und der britische MI6 haben diese Strukturen in Westeuropa aufgebaut. In der Schweiz hieß die Struktur P26 und hat eng mit dem MI6 kooperiert. In Italien hieß die Struktur Gladio, und in Deutschland wurde sie einfach nur als „Stay behind“ bezeichnet. Aber sie existierten in allen westeuropäischen NATO-Ländern, d.h. auch in Dänemark, in Frankreich, in Portugal, in Griechenland, in der Türkei, in Norwegen, in Luxemburg, in Belgien, in Holland etc. Das politische Problem war, dass es in einer Demokratie keine Geheimarmee geben darf. Alle Teile der Armee müssen dem Parlament bekannt sein, sonst ist es illegal.

Wir hatten in der Schweiz diese Diskussion um die P26, die unsere Geheimarmee war und 1990 aufgedeckt wurde. Die Mitglieder, die darin involviert waren, sagten, dass es doch plausibel sei, dass das Parlament nicht informiert werden konnte. Sie sagten: „Wenn wir das Parlament informieren und die Sowjetunion besetzt die Schweiz, dann wäre sofort klar gewesen, wer wir sind, und wir wären sofort umgebracht worden.“ Das heißt, die „Kalten Krieger“ - so nenne ich sie jetzt mal - argumentierten mit dem Punkt, dass sie als Resistance im Untergrund ihr Leben riskierten. Aus diesem Grund könnten sie auch nicht das Parlament informieren. Als Historiker kann ich das nachvollziehen, aber trotzdem gibt es ja die Verfassung. Und die sagt, dass man keine verdeckten Einheiten haben darf.

Wer hat diese geheimen Strukturen aufgedeckt?

Die Existenz der Geheimarmeen wurde erst 1990 durch den italienischen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti aufgedeckt. Er sagte, dass es diese Stay-behind-Armeen gegeben hatte. Aber es seien nur wenige, und sie könnten da nicht viel dazu sagen. Das ist natürlich nicht wirklich befriedigend, was die Forschungen zu den Partisanen oder „Gladio-Strukturen“, wie man sie eigentlich nennt, angeht.

Welche Verbindungen dieser Geheimarmeen gab es zum Rechtsextremismus?

Rechtsextreme wurden in ihre Strukturen mit eingebaut. Warum hat man Rechtsextreme genommen? Weil die Rechtsextremen antikommunistisch waren. Der Faschismus war immer antikommunistisch. Und die NATO wollte einige Faschisten in diesem Netzwerk integrieren. Jetzt haben wir aber das Problem, dass diese Faschisten auch der Meinung waren, man müsste die Kommunisten und Sozialisten im Inland bekämpfen – also auch Mitglieder der demokratisch gewählten Parteien. Da rutscht die Sache sozusagen von einer Guerillaarmee, die nur aktiv werden sollte im Fall einer Invasion, in ein Instrument, das die politischen Prozesse beeinflussen kann. Da wird es richtig brisant. Da sprechen wir dann von einem wirklich großen Skandal.

Welche konkreten Beispiele können in diesem Zusammenhang genannt werden?

Am besten kann man es vielleicht noch an Italien erklären. Dort fanden 1948 freie Wahlen statt. Die CIA war absolut dagegen, dass die Kommunisten gewinnen, denn dann wäre das Land sozusagen ins kommunistische Lager gefallen. Deshalb hat die CIA die Wahlen manipuliert. Die CIA wurde 1947 gegründet, und die erste Arbeit, die sie machte, war es, die Wahlen in Europa zu manipulieren. Das ist illegal, das darf man nicht. Da ist man heute am Aufarbeiten, wie das sein kann, dass die Amerikaner in Europa die Wahlen manipulieren? Und das ging dann so weit, dass man die Geheimarmee in Italien Gladio genutzt hat, um das italienische politische System zu manipulieren.

Welche Rolle spielte Gladio dabei genau?

Eine Untersuchung des italienischen Senats kam in den 90er Jahren zum Schluss, dass man mit Faschisten zusammengearbeitet hat. Diese Rechtsextremen haben in Italien Terroranschläge ausgeübt und diese dann den politisch Linken in die Schuhe geschoben, um so den Kommunismus zu diskreditieren. Die Hauptidee war, dass man in Italien niemals eine kommunistische Regierung haben wollte. Die Kommunisten hatten 30 Prozent im Parlament. Deswegen hatte man Angst, dass die Kommunisten einen kommunistischen Verteidigungsminister, Innenminister oder Außenminister stellen würden. So hätten aus einem NATO-Land, wie es Italien ja eines war und ist, Geheimnisse an Moskau gelangen können. Für die NATO hätte das absolut gefährlich werden können. Die Forschungen dazu laufen noch weiter.

All diese Zusammenhänge, die Sie beschreiben, sind für das Verständnis der europäischen Nachkriegsgeschichte sehr wichtig. Aber dennoch sind sie weitgehend unbekannt...

Es gibt viele Menschen, die die Begriffe Gladio und „Stay-behind“ nicht kennen. Sie wissen nicht, was die Strategie der Spannung ist. Sie kennen auch den Begriff „False Flag“ nicht, also Anschläge unter falscher Flagge. Es ist weiterhin ein Spezialgebiet, das eigentlich nur Historiker bekannt ist, die zum Thema arbeiten. Und Menschen, die sich sehr für die Hintergründe der Politik interessieren. Das heißt, all das ist nur wenigen bekannt, vielleicht einem Prozent der Bevölkerung. Aber wie Sie auch sagen, zeigt die Forschung zur Zeitgeschichte, dass das ein wesentlicher Faktor der europäischen Geschichte war. Der Spiegel hat damals zu meiner Doktorarbeit eine Doppelseite gemacht und den Titel gewählt: „Die dunkle Seite des Westens“. Das fasst es ziemlich gut zusammen.

Im Europa der Nachkriegszeit, das gemeinhin als eine Periode des Friedens betrachtet wird, wurden in den 80ern eine Reihe von Terroranschlägen verübt. Bestehen hier ebenfalls Verknüpfungen zur CIA? 

Ich bin vor Jahren in die USA geflogen und habe mit ehemaligen CIA-Mitarbeitern und Professoren gesprochen. An die NATO habe ich offizielle Anfragen geschickt und im Rahmen des „Freedom of Information Act Request“ [Anm. d. Red.: Anfrage auf Grundlage des Informationsfreiheitsgesetzes] die CIA um Daten gebeten. Doch ich stieß auf eine Mauer des Schweigens. Denn hier geht es um nichts weniger als die von Ihnen gestellte Frage: Hat der CIA Terroranschläge in Europa verübt? Und das ist natürlich eine Frage, bei der es bei den meisten Menschen nur Stirnrunzeln gibt. Man kann sich einfach nicht vorstellen, dass so etwas überhaupt sein kann.

Für mich als Historiker bietet das eine Möglichkeit dazu zu forschen, aber es ist schwierig zu beweisen. Was wir wissen ist, dass es Terroranschläge in Europa gab. Das ist sicher. Es gab 1980 einen großen Anschlag im italienischen Bologna, kleinere Anschläge in Mailand und in Peteano. Im Jahr 1980 gab es auch einen großen Terroranschlag in München. Es gab in den 80er Jahren zudem die sog. Brabant-Massaker in Belgien sowie Terroranschläge in Frankreich und Luxemburg. Also diese Idee, dass Europa von 1945 bis 1990 einfach ein friedlicher Kontinent war, ist historisch falsch. Wir hatten in Spanien und in Portugal faschistische Diktaturen sowie in Griechenland eine Militärjunta an der Macht. In der Türkei fanden drei Militärputsche statt. Deutschland, Frankreich, Italien und Belgien wurden also von Terror geheimgesucht. Die Realität ist ein bisschen anders als nur „Europa war im Frieden“. Es ist natürlich nicht vergleichbar mit dem Zweiten Weltkrieg. Da gab es Millionen von Toten. Aber dieses Bild, dass es nach 1945 nur Frieden gab hier in Europa, ist falsch – das war nicht so. Es gab verdeckte Kriegsführung.

Sie sagten, dass die CIA in diesen Dingen sehr verschwiegen sei. Wenn dieser Geheimdienst so intransparent ist, wie moralisch kann er dann überhaupt sein?

Die Amerikaner geben zu, dass sie diese Geheimarmeen in Europa gehabt haben. Das ist historisch gesichert. In den 70ern hatte der CIA einen Direktor namens William Colby, der ein Buch mit dem Titel „Honourable Men“ - also „Ehrenwerte Männer“ - geschrieben hat. Und darin wollte er eigentlich die CIA verteidigen. Im Buch gab Colby zu, dass die CIA die stay-behind Armeen zusammen mit den Briten aufgebaut hatten. Es gab damals viele Amerikaner, die gesagt haben, dass die CIA korrupt sei. Sie sei selber eine Terrororganisation, weil sie Regierungen stürze und andere Menschen töte. De facto gibt es keine moralische Orientierung in der CIA. Sie ist von Terrorgruppen wie Al-Qaida kaum zu unterscheiden, denn sie verfolgt wie diese Machtziele, schreckt vor Mord und Staatsstreichen in fremden Ländern nicht zurück und war auch in den Drogenhandel verwickelt. Und das alles im Auftrag des Präsidenten im Weissen Haus. Natürlich wird das immer alles geleugnet und abgestritten. Aber die historischen Daten sind klar: Die CIA war und ist in sehr viele Verbrechen verwickelt. Es ist keineswegs so, dass die CIA nur Daten über das Ausland sammelt und auswertet.

In den 70ern gab es in den USA die sog. „Church-Kommission“, ein Ausschuss des amerikanischen Parlaments der die CIA überaus akribisch untersuchte. Ich habe diese „Church-Dokumente“ aus den 70er Jahren, die übrigens immer noch sehr lesenswert sind, sehr genau studiert. Senator Frank Church, den man ohne Zweifel zur Friedensbewegung zählen muss, sagte, dass die CIA ein verwerflicher Geheimdienst sei. Man müsse darüber nachdenken, ob man ihn abschaffen sollte. Die Absicht von CIA Direktor William Colby war es danach, mit seinem Buch den Ruf der CIA zu retten – es war im Grunde eine PR-Aktion von ihm.

Gibt William Colby auch zu, dass die Geheimarmeen aktiv wurden?

Nein. Die Version der CIA ist, dass sie nur im Falle einer sowjetischen Invasion aktiv geworden wären. Die schwierigste Forschungsfrage, wenn wir über die „Operation Gladio“ sprechen, ist auch, ob diese Geheimarmeen einfach nur gewartet und nichts gemacht haben. Es wird allein schon über die Männerstärke und die Ausrüstung spekuliert. Hier sind die Quellen von Land zu Land unterschiedlich. Wir wissen immer noch viel zu wenig über den geheimen Krieg der CIA in Europa. Es ist auch nicht ganz klar, wie alt die einzelnen Mitglieder waren. Es gibt da verschiedene Probleme mit den Daten. Was man jedoch weiß, ist, dass sie Waffenlager auf Friedhöfen, in den Wäldern und in Häusern versteckt hatten. Dass in jedem Land der militärische Geheimdienst involviert war. Das war ein sehr ausgeklügeltes System. Sie trainierten sich aus einem Helikopter in ein U-Boot abzuseilen und Ähnliches. Die paramilitärische Ausbildung fand also auf jeden Fall statt. Vor allem durch die Special Air Service „SAS“, das sind die britischen Spezialeinheiten und durch die amerikanischen „Green Barrets“. Immerhin das ist alles gut belegt.

Ob und wie die CIA in Terroranschläge in Europa involviert war, ist äußerst schwierig zu untersuchen für Historiker wie mich, weil diese Fragen politisch sehr sensibel sind und kaum gesicherte Daten vorliegen. In Italien gibt es viele Indizien, dass dort die CIA an Terroranschlägen beteiligt war, es sind keine Beweise, aber Indizien. Im März 2001 erklärte General Giandelio Maletti, der frühere Chef der italienischen Spionageabwehr, während einer Gerichtsverhandlung zum Terroranschlag Piazza Fontana der 1969 in Mailand 16 Menschen tötete, dass die CIA und italienische Rechtsextreme vermutlich am Terroranschlag beteiligt gewesen waren. Maletti sagte damals: «Die CIA wollte auf Anordnung ihrer Regierung ein nationalistisches Italien, das in der Lage war, einen, wie sie glaubten, Linksruck zu bremsen. Zu diesem Zweck könnte die CIA eine rechtsradikale Organisation benutzt haben.» Dies war eine sehr weit reichende Zeugenaussage, die bestätigte, dass die CIA die Politik in Italien manipulierte. «Vergessen Sie nicht, dass Nixon im Amt war», führte Maletti aus, «und Nixon war ein eigenartiger Mensch, ein intelligenter Politiker, aber ein Mann mit ziemlich unorthodoxen Initiativen.» Auch der italienische Richter Guido Salvini bestätigte damals, dass die Spuren von den Terroranschlägen zu einem «ausländischen Geheimdienst» führen. «Meinen Sie mit dem ausländischen Geheimdienst die CIA?», fragten italienische Journalisten, worauf Salvini vorsichtig antwortete: «Wir können sagen, dass wir sehr wohl wissen, wer bei den Vorbereitungen auf die Massaker geholfen hat und wer gleichzeitig mit am selben Tisch saß, von dem aus die Befehle zu den Massakern erteilt wurden.» Eine parlamentarische Untersuchungskommission, die Gladio und die italienischen Massaker untersuchte, zog im Jahr 2000 den Schluss: «Diese Massaker, diese Bomben, diese militärischen Aktionen wurden von Männern innerhalb italienischer staatlicher Einrichtungen organisiert oder gefördert oder unterstützt und, wie kürzlich aufgedeckt wurde, auch von Männern, die mit den Strukturen der Geheimdienste der USA in Verbindung standen.“

Dass es diese Indizien gibt, dass die CIA in Terroranschläge in Italien verwickelt war, hört man sehr selten. Überhaupt spricht kaum jemand so klar wie Sie über verdeckte Kriegsführung in Europa. Sie schreiben in Ihren Büchern auch über die sog. „Rainbow-Warrior“-Affäre, bei der die französische Regierung des Terrors bezichtigt wird. Sie gehen in diesem Zusammenhang auf den Franzosen Pierre Lacoste ein, der neben dem bereits erwähnten Ministerpräsidenten Andreotti und dem italienischen Untersuchungsrichter Felice Casson zu den wichtigsten Quellen in Sachen Gladio zählt. Erläutern Sie bitte den Skandal rund um das Schiff „Rainbow-Warrior“.

Admiral Pierre Lacoste war von 1982 bis 1985 der Chef des französischen Militärgeheimdienstes „Direction Générale de la Sécurité Extérieure“, kurz „DGSE“. Er hat ganz klar gesagt, dass das Stay-behind-Netzwerk in Frankreich in interne Operationen und Terroranschläge involviert war. Und das muss man sich einfach mal vor Augen halten. Man hat also eine Struktur aufgebaut, die auch in Friedenszeiten die Demokratien gefährden konnte. Und wie gesagt: Für die meisten Bürger ist es bis heute völlig undenkbar, dass der Geheimdienst Terroranschläge gegen die eigene Bevölkerung verübt.

Zur Rainbow-Warrior: Bei Frankreich wissen wir, dass sich Präsident Mitterand in den 80er Jahren sehr darüber geärgert hatte, dass die Umweltorganisation Greenpeace mit ihrem Schiff „Rainbow Warrior“ im Pazifik immer dort hingefahren ist, wo Frankreich oberirdische Atomtests machen wollte. Die Regierung sagte, sie würden auf „verlassenen Inseln“ getestet. Aber die Inseln waren gar nicht verlassen, da lebten einfach nur weniger Menschen. Daraufhin schickte der französische Geheimdienst 1985 eine Eliteeinheit nach Neuseeland, wo das Greenpeace-Schiff vor Anker lag. Die Agenten brachten Haftminen am Schiff an und sprengten es in die Luft. Die Mannschaft war zwar nicht auf dem Schiff, aber es befand sich noch ein Fotograf darin, der dann bei der Explosion ums Leben kam. 

Das ist doch im Grunde auch Terrorismus...

Ja klar. Wenn heute ein Al Qaida-Aktivist oder ein IS-Aktivist ein Schiff in die Luft sprengt und dabei ein Zivilist stirbt, dann würde man das als Terror bezeichnen. Und dieser Mann aus dem DGSE, der die Haftminen am Schiff angebracht hat, der ist heute mit Namen bekannt. Man hat ihn auch gefragt, ob er der Meinung sei, ob das Terrorismus ist. Er sagte Nein. Für ihn war es kein Terrorismus, sondern eine verdeckte Operation. Er benutzt also ein anderes Wort dafür. Dann wird nachgefragt, ob er nicht der Meinung sei, ob Terrorismus und Verdeckte Operation nicht das Gleiche ist. Er antwortet mit Nein, weil der Befehl von einem demokratischen Staat gekommen sei. Wenn ein demokratischer Staat den Befehl gibt, dann ist es kein Terrorismus – so seine Meinung. Das ist eine Einschätzung, die ich überhaupt nicht teile. Weil, wenn auch ein demokratisch gewählter Präsident in Frankreich - oder meinetwegen auch in den USA oder in England - den Befehl gibt, Zivilisten in einem fremden Land zu töten, ist das immer Terrorismus, es ist völlig illegal. Dann ist auch der Präsident des Terrorismus schuldig.

Bei diesem Fall in Frankreich haben wir gesehen, dass die unterste Ebene, das heißt die Agenten, irgendwann zugeben mussten, dass sie es getan hatten. Die nächsthöhere Eben war der Direktor des Militärgeheimdienstes Pierre Lacoste. Der musste zurücktreten. Die nächsthöhere Ebene, wenn Sie innerhalb der Architektur eines demokratischen Staates bleiben, ist der Verteidigungsminister Charles Hernu. Der musste ebenfalls zurücktreten. Aber an der Spitze der Pyramide war dann Präsident Mitterand. Und der hat sein Leben lang abgestritten, dass er den Auftrag gegeben hätte, das Greenpeace-Schiff zu sprengen. Er trat nicht zurück.

Wie ist Ihre Meinung dazu? Hat Mitterand den Auftrag gegeben?

Ich persönlich bin der Meinung, dass es völlig undenkbar ist, dass der Geheimdienst das auf eigene Faust macht. Also nach allem, was ich über Geheimdienste und über internationale Politik weiß, ist es so, dass der Geheimdienstchef vermutlich den Auftrag bekommen hat, dieses Problem zu lösen. Das heißt, der Präsident sagt dann nicht: „Bitte töte einen Greenpeace-Mitarbeiter mit einer Bombe.“ Aber er sagt einfach: „Ich habe hier ein Problem. Ich will meine Atombomben zünden, das Rainbow-Warrior-Schiff ist im Weg, bitte finde eine Lösung.“ Das heißt, er gibt einen strategischen Befehl, und die taktisch operative Umsetzung unterliegt dann den Einheiten im Geheimdienst.

Ich finde es schade, dass Mitterand, ein Sozialist, nicht zurückgetreten ist und zugegeben hat, dass er den Befehl gegeben hat. Also ich weiß nicht, wie weit die Kollegen in Frankreich jetzt sind. Da gibt es immer wieder Forschungen zum Thema. Vielleicht haben sie auch neue Dokumente gefunden, die belegen, dass Mitterand den Auftrag gegeben hat. Ich weiß einfach, dass der Chef vom Geheimdienst Lacoste gesagt hat, er hätte auf keinen Fall das aus eigener Initiative gemacht, sondern der Befehl kam von ganz oben. Und das heißt eigentlich, er kam vom Präsidenten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die verdeckte Kriegsführung in Westeuropa von den Abteilungen "Allied Clandestine Committee" (ACC) und dem "Clandestine Planning Committee" (CPC) gesteuert. Wie mächtig und einflussreich ist der militärische Geheimdienst der NATO?

Die militärischen Geheimdienste, die sich im ACC und CPC treffen, sind schon mächtig. Sie haben eine gemeinsame Ideologie, nämlich den Kommunismus zu bekämpfen. Ein Beispiel dazu: Wir haben gesehen, dass Guy Coëme, der belgische Verteidigungsminister von 1988 bis 1992, damals von Rom nach Brüssel geflogen ist, und in der Zeitung gelesen hat, es gäbe eine Geheimarmee in Belgien. Dann hat er auch gedacht: „Ja meine Güte, ich bin der Verteidigungsminister, und ich weiß gar nichts über diese geheime Armee.“ Nachdem er in Brüssel gelandet war, hat er seinen Generalstabschef ins Verteidigungsministerium gebeten. Er fragte ihn, ob die Berichte über die Geheimarmeen in Belgien wahr seien, was der General bejahte. Dann hat er gefragt: „Und wieso weiß ich das nicht?“ Der Generalstabschef antwortete: „Du bist ein Sozialist. Die Verteidigungsminister die kommen und gehen. Euch informieren wir nicht über alles.“ Und das bedeutet einfach, wir haben in den demokratischen Strukturen zum Teil einen Mangel an Transparenz. Der militärische Geheimdienst kann also manchmal ein Eigenleben führen.

Ich habe versucht, die Dokumente aus dem ACC und aus dem CPC zu bekommen. Aber das ist nicht möglich. Das heißt, auch die historische Forschung kann zu den NATO-Geheimarmeen überhaupt sehr wenig in Erfahrung bringen. Ich versuche immer wieder die NATO zu durchleuchten, und das ist sehr schwierig, weil sie einfach nicht transparent ist. Und genau diese Intransparenz ist der Grund, warum die Militärgeheimdienste derart mächtig sind. Die ACC und das CPC sind im Organigramm der NATO-Abteilungen nicht einmal aufgeführt.

Das Parlament der EU hat daher 1990 nach der Aufdeckung der Gladio Geheimarmeen eine Resolution verabschiedet. Darin verurteilt die EU « die heimliche Schaffung manipulierender und operativer Netzwerke und fordert eine vollständige Untersuchung der Art, der Struktur, der Ziele und aller anderer Aspekte dieser Geheimorganisationen oder jeglicher Splittergruppen, ihre Nutzung zu illegalen Einflüssen auf die internen politischen Angelegenheiten der betroffenen Länder, das Problem des Terrorismus in Europa und die mögliche heimliche Absprache unter den Geheimdiensten der Mitgliedsstaaten oder mit denen von Drittländern». Zudem «protestiert die EU energisch gegen die Annahme gewisser amerikanischer Militärs, beim SHAPE und in der NATO das Recht zu haben, ein heimliches Netzwerk von Geheimdiensten und operativen Einheiten in Europa etablieren zu dürfen». Die EU hat damals klar erkannt, dass es verdeckte Operationen in Westeuropa gab. Aber die geforderte Aufklärung bezüglich der Verbindung von Gladio und Terror ist bis heute nicht geschehen, was die Arbeit für Historiker wie mich erschwert.

Den zweiten Teil dieses Interviews mit dem Schwerpunkt Geopolitik (Libyen, Ukraine, Syrien) können Sie ab kommenden Mittwoch (18 Uhr) hier auf Cashkurs lesen.