Banken liegen mit ihren Jahresprognosen meistens völlig daneben. Sinnvoller ist es, mögliche Szenarien durchzuspielen.

Kurz vor Weihnachten häufen sich die Jahresprognosen der Banken und der Börsenanalysten. Ich selbst beantworte die immer gleiche Frage, wo wohl der DAX am Ende des neuen Jahres stehen wird, stets mit dem Satz: "Keine Ahnung! Ich weiß ja noch nicht einmal sicher, wo das Miststück am Ende der kommenden Woche stehen wird!" Und jeder, der etwas anderes behauptet, ist ein Scharlatan.

Die Weltfinanzmärkte sind ein derart komplexes Gebilde, dass eine zuverlässige Prognose völlig unmöglich ist. Man kann ja gern spaßeshalber eine launige Prognose wagen und eine Flasche Sekt "rausmachen", aber bei der Altersvorsorge sollte man nicht auf diese Prognosen der Banken setzen. In aller Regel liegen sie im Rückblick meilenweit daneben. Der Chefvolkswirt eines großen Bankhauses sagte einmal: "Wir wollten das genau deshalb schon lange einstellen, aber die anderen nennen immer eine Prognose, und wenn wir es nicht machen, heißt es, wir hätten keine Ahnung!" Seriöserweise sollten Banken diese Jahresprognosen bleiben lassen, sie schaden mehr, als sie nutzen. Viel sinnvoller ist es, in möglichen Szenarien zu denken und diese gegeneinander abzuwägen.

Welche Szenarien können wir 2016 realistischerweise erwarten? Einer der großen Fehler bei der Zukunftsplanung ist die lineare Fortschreibung der aktuellen Entwicklung. Sollten die Dinge sich linear zur aktuellen Situation weiterentwickeln, steuerten wir auf ein ausgesprochen sorgenvolles Börsenjahr 2016 zu, welches wir - um ein etwas schöneres Ende des Artikels zu erhalten - an den Anfang unserer Überlegungen stellen. Die Abkühlung der chinesischen Wirtschaft geht weiter, und es wird in weiterhin steigendem Tempo Kapital aus China abgezogen. Allein im November 2015 sanken die Währungsreserven um 87 Milliarden US-Dollar auf jetzt 3,44 Billionen Dollar. Steigende US-Zinsen beschleunigen den Trend. Es mehren sich wirtschaftliche Schwierigkeiten, platzende Fehlinvestitionen in China sorgen dort für Pleiten in Industrie, Immobilienwirtschaft und Schattenbankensystem.

Eine Kreditklemme - beginnend bei den Firmen, die keinen direkten Zugang zu Zentralbankgeld haben - sorgt für massive Abverkäufe sämtlicher Assetklassen, wie wir es bereits 2008 erlebt haben, als eine Vertrauenskrise zur Kreditklemme und folglich zur wirtschaftlichen Schnappatmung nach Cash geführt hat. Wer Cash braucht, verkauft sein Tafelsilber. Die aufgrund des extrem niedrigen Ölpreises bereits jetzt nach Cash gierenden Ölstaaten - Saudi-Arabien etwa benötigt einen Ölpreis von rund 100 Dollar je Barrel für einen ausgeglichenen Haushalt - verschärfen mit ihren Verkäufen die Entwicklung. Ein weltweiter Crash der meisten Anlageklassen wäre die Folge.

Ein chinesischer Analyst sagte: "China ist die größte Blase der Weltwirtschaftsgeschichte. Steigende US-Zinsen werden sie zum Platzen bringen." Ich habe dieses Szenario bereits im Oktober an dieser Stelle im "Geysir-Szenario" beschrieben. Wer von diesem Szenario - dessen einzelne Facetten sich jeder selbst ausmalen darf - ausgeht, ist mit hohen Tagesgeldquoten in den nächsten Monaten gut beraten.

Was, wenn sich China erholt?

Doch nehmen wir mal an, 2016 verläuft nicht linear. Es kommt zu einer starken Richtungsänderung, exemplarisch ausgelöst durch einen Kraftakt der chinesischen Zentralregierung/Notenbank: China gelingt es unter Mobilisierung eines Teils seiner noch immer enormen Währungsreserven den Riemen noch einmal auf die stotternde Maschine zu werfen und das offenkundig schwindende Vertrauen der Investoren wieder zurückzuerlangen. Chinas Wirtschaft erholt sich und mit ihr der Welthandel. Amerikas Asienabsätze ziehen wieder an, und auch das zuletzt erfreulich muntere Pflänzchen der Konjunktur in Europa blüht in diesem wieder wärmeren klimatischen Umfeld weiter auf. Die Rohstoff- und Ölpreise ziehen etwas an, die Sorgen schwinden, und in der Harmonie aus weiterhin billigem Geld, Konjunkturprogrammen und Fusionswellen steigen die Aktienmärkte auf neue Höchststände, deren Intensität zum Ende des kommenden Jahres die Diskussion um eine Blasenbildung aufkommen lassen. Wer einen hohen Aktienanteil im Depot hatte, wird begeistert sein.

Dies sind zwei extreme und völlig gegensätzliche Szenarien für 2016, für die es jeweils zahlreiche gute Argumente gibt. Doch die Folgen für die Aktienmärkte könnten unterschiedlicher nicht sein. Dazwischen liegen nicht nur viele Tausend DAX-Punkte, sondern zahllose weitere und weniger extreme mögliche Zukunftsstränge. Niemand kann sicher vorhersagen, welcher davon tatsächlich am Ende des Jahres 2016 stattgefunden haben wird. Es wird die wenigen geben, die richtig geraten haben und sich damit brüsten, und die vielen, an deren Prognosen sich (hoffentlich) niemand erinnert, die aber ganz sicher waren, dass es genau das von ihnen gewählte Szenario werden würde.

Wer sich zu jenen Auguren zählt, die genau zu wissen glauben, welche dieser möglichen Varianten eintreffen wird, weiß, was er zu tun hat. Wer ehrlich zu sich selbst ist und Demut vor der Unwägbarkeit des Marktes hat, der wählt eine Anlage-Alternative, bei der es unwichtig ist, ob der Markt eine der beiden genannten oder gar eine der vielen anderen möglichen Zukunftsstränge einschlägt.

Für einen langen Anlagezeitraum in die Aktien starker Unternehmen zu investieren und dieses Depot gegen allzu große Kurseinbrüche mittels Verkaufsoptionen abzusichern scheint gerade in besonders unberechenbaren Börsenjahren eine gute Strategie zu sein. Bei steigenden Kursen ist man nahezu vollständig dabei, bei Krisenszenarien schläft man ruhig, denn der zwischenzeitliche Schaden hält sich in engen Grenzen durch den Wertzuwachs der Verkaufsoptionen, die es einem ermöglichen, zu tiefen Aktienkursen großzügig einzukaufen. Getreu dem Motto: "Rechne mit dem Schlimmsten und hoffe das Beste!"