Von den Grenzen zu Finnland, bis zu den Grenzen Nordkoreas, von der Ostsee bis zu den Gestaden des Pazifiks, vom Polarkreis bis zum Schwarzen Meer, erstreckt sich das Territorium des heutigen Russlands, dem immer noch größten Flächenstaat der Erde.

Russlands Geographie, das ist ist das Territorium der USA plus EU, bei einer Einwohnerzahl, die lediglich der Bevölkerung von Deutschland und Frankreich -zusammen- entspricht. Man sollte sich diese geographischen und demographischen Fakten gelegentlich ins Gedächtnis rufen, flankiert von historischen Tatbeständen, um zu verstehen, welche Wirkungen die Äußerungen bestimmter westlicher Politiker in Russland entfalten.

Russland befindet sich im Zangengriff

Außenpolitisch gab es auch gravierende Fehler seitens der NATO, unter Führung der USA. Die  permanente Osterweiterung des Nordatlantischen Verteidigungspaktes, fast bis vor die Tore Moskaus, die Inszenierung von “Rosen- Tulpen- und wer weiß was sonst  für Revolutionen” im geopolitischen Umfeld Moskaus, in den ehemaligen Sowjetrepubliken, die totale Missachtung von Russlands legitimen geopolitischen Interessen, führte auch zu einer Stärkung Putins und des russischen Nationalismus.

Man stelle sich vor, Russland würde Raketen auf Kuba und Venezuela stationieren, im “Hinterhof” der USA, so wie es seinerzeit mit einem Raketenschild in Polen, der Slowakei und Tschechien getan wurde, angeblich um Europa vor der gestiegenen ballistischen Kapazität der Islamischen Republik Iran zu schützen.

Russland befindet sich im Zangengriff, wie es mein verstorbener Freund Peter Scholl-Latour einst ausdrückte. Eingeklemmt zwischen dem epochalen, alles überschattenden Aufstieg der Volksrepublik China, der erwähnten Nato-Osterweiterung, sowie des Dschihadismus. Von  den 147 Millionen Russen, sind über 30 Millionen Muslime, mit einer dynamischen demographischen Entwicklung, bei aller ethnischen Heterogenität dieser Religionsgemeinschaft dort.

NATO entlang der Westgrenze Russlands im Dauermanöver

Die NATO befindet sich in diesem Sommer 2017 in einer Art Dauer-Manöver, von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer, entlang der Westgrenzen Russlands. Von Estland bis Georgien wird aufgerüstet und stationiert, als plane man den nächsten Ostritt, wie einst Napoleon und Hitler gegen die Moskowiter.

In Estland stationierte die US-Luftwaffe Tarnkappen-Bomber, in Litauen Patriot-Raketen. Die marode Ukraine wird demnächst mit amerikanischen Panzerabwehrraketen beglückt und auch Georgien soll bei diesem Kampf um die „Freiheit“ fit gemacht werden, wie es US-Vizepräsident Michael Pence kürzlich formulierte und gleichzeitig Washingtons vollste Unterstützung ankündigte.

Ob es für die EU sinnvoll ist, diesen fragwürdigen Operationen der NATO untergeordnet zu bleiben, diese Frage wird nicht gestellt. Auch nicht, was man eigentlich strategisch damit zu bezwecken versucht. Stattdessen setzt Bundesverteidigungsministerin von der Leyen unverfroren ihre üblichen Worthülsen in die Welt.

Zweifel bezüglich der Souveränität der Bundesrepublik

Dabei wird gelogen und betrogen, verdreht und verdrängt, getäuscht und verdeckt. Dabei wäre es erforderlich gewesen, die NATO neu zu erfinden, beziehungsweise nach dem Ende des Kalten Krieges radikal umzustrukturieren, um ein wirksames Instrumentarium angesichts der aktuellen und bevorstehenden geo- und verteidigungspolitischen Herausforderungen darzustellen.

So lange diese nicht der Fall ist, fungiert die NATO als eine Art Fremdenlegion, im Dienste der Interessen Washingtons. Donald Trump, der angeblich eine radikale Neuausrichtung der Politik Washingtons gegenüber Moskau  anstrebte, zeigte sich bisher -nicht nur in diesem Bereich- als völlig unfähig und fungiert als Marionette der alten Seilschaften.

Die Deutschen, die angeblich so viel aus der Geschichte gelernt zu haben glauben, sollten bei diesem ominösen Drang der NATO nach Osten Einspruch erheben. Aber nicht nur in diesem Fall kommt der Zweifel bezüglich der Souveränität der Bundesrepublik auf.

In diesem Zusammenhang möchte ich diesen Beitrag mit einem persönlichen Erlebnis abschließen, welches sich vor 3 Jahren in der sibirischen Metropole Irkutsk zutrug. Auf meiner damaligen Reise von Peking nach Moskau hatte ich einige Tage einen Stopp in Irkutsk eingelegt.

Wahre Worte eines alten Mannes

Eines Abends bummelte ich an der Uferpromenade der Angara entlang. Dort hatte sich eine Hochzeitsgesellschaft eingefunden. Ausgelassen tanzten die Gäste zu den musikalischen Darbietungen einer Kapelle, auch vorbei eilende Passanten legten eine heiße Sohle aufs Parkett. Die Szene wirkte friedlich, ausgelassen und heiter. Überhaupt konnte man den Eindruck gewinnen, den Russen geht es heute besser als seit langem in ihrer grausamen Geschichte der letzten Jahrzehnte und Jahrhunderte, die der britische Historiker Orlando Figes einmal als die "Tragödie eines Volkes" bezeichnet hat.

Ich verharrte eine Weile in der Betrachtung des Sonnenuntergangs. Dabei versuche ich mir ins Gedächtnis zu rufen, wie weit ich von Europa entfernt bin. Der alte Herr, ich schätze ihn auf über 80, an dessen Stand ich eben eine Kugel Eis erworben hatte, gesellte sich nun zu mir. Der Mann überrascht mich durch seine Deutschkenntnisse.

Unerwartet fragt er mich: Wie weit möchte die NATO denn noch nach Osten vordringen und welche Feindschaft gegen Russland wird dabei ausgetragen? Ihr Deutschen habt in diesen endlosen Weiten doch ausreichend bittere Erfahrungen gesammelt. Wie viel Blut, Leid und Elend hat es bei Deutschen und Russen gegeben? Frau Merkel hat doch gesagt, eine Regierung, die auf einen Bürger schießt, hat ihre Legitimation verloren. Warum schweigt sie denn, wenn die ukrainische Armee auf ukrainische Bürger schießt? Ihr Deutschen solltet es doch besser wissen. Habt Ihr vergessen, dass Irkutsk, diese Uferpromenade, einst von deutschen Kriegsgefangenen errichtet wurde?