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Das Bandbreitenmodell – Ein Gespräch mit Jörg Gastmann Teil 1

Das Bandbreitenmodell – Ein Gespräch mit Jörg Gastmann Teil 2

Das Bandbreitenmodell – Ein Gespräch mit Jörg Gastmann Teil 3

Helmut Reinhardt: Ganz ehrlich, Herr Gastmann, viele Leute haben doch gehörig die Schnauze voll vom bestehenden System, oder? Und damit meine ich noch nicht einmal die Hartz4-Empfänger, sondern die hart arbeitenden Leute aus dem schrumpfenden Mittelstand, die sich immer weniger leisten können.

Glauben Sie, die Wut wird sich demnächst entladen? Jochen Sanio von der Bafin hat unlängst in der 18. Sitzung des Haushaltsausschusses seine Ängste bezüglich einer Strangulation der Verantwortlichen geäußert. Seite 21: http://www.bundestag.de/bundestag/ausschuesse17/a08/anhoerungen/waehrungsunion/018_Protokoll.pdf

Jörg Gastmann: Mit "die Steuerzahler hängen uns alle auf" meinte Herr Sanio das wohl eher metaphorisch. Der einzige Strick, mit dem das Deutsche Volk jemanden aufhängt, ist der Wahlzettel. Das Volk wählt entweder gar nicht mehr oder pendelt ratlos zwischen den ratlosen Parteien hin und her. Das führt dazu, daß mal Rotrotgrün und mal Schwarzrotgrüngelb an der Macht ist, obwohl sie alle gemäß Merkels Zitat bei allen wichtigen Problemen komplett überfordert sind. Sie stecken in mehreren Zwickmühlen fest, von denen der Arbeitsmarkt die wichtigste ist: Sorgen sie für steigende Löhne auf ein Niveau, von dem man gut leben kann, ist die Wirtschaft im globalisierten Wettbewerb zu teuer. Bleiben die Löhne niedrig und müssen sich die Menschen den Anforderungen der Wirtschaft unterwerfen, kann die Bevölkerung nur so schlecht und unsicher leben, daß eine Familiengründung zu einem finanziellen Risiko wird, wodurch z.B. die Geburtenrate so niedrig bleibt, daß in jeder Generation ein Drittel des Nachwuchses fehlt und Deutschland mit mathematischer Sicherheit ausstirbt. Staatsverschuldung, Rentensystem, Gesundheitssystem - überall stecken sie in Zwickmühlen fest. Wenn dann die Einen versagen, kommen bei den nächsten Wahlen die Anderen dran. Mit diesem "Karussell der Zwickmühlen-Verwaltungsparteien", wie ich es am Ende meines Buches nenne, kann die politische Klasse bestens leben. Das Volk resigniert oder läßt sich durch Brot und Spiele einlullen.

Deutschland ist kein Land für gewalttätige Aufstände. Die Deutschen haben zum Großteil in Tradition zum preußischen Obrigkeitsstaat ein rational nicht zu erklärendes Urvertrauen in die großen Parteien. Geschützt und unterstützt durch ein Bollwerk regierungsnaher Massenmedien gelang es der politischen Klasse, den Staatsbürgern die Lust an einer Beteiligung an Staat und Demokratie auszutreiben. Bei der letzten Wahl in Bremen hat die Hälfte der Wahlberechtigten gesagt: "Wahlen interessieren mich nicht." Und SPD und Grüne, die zusammen nur ein Drittel der Stimmen der Wahlberechtigten erhielten, feiern sich als große Sieger in einem Staat ohne Staatsbürger. Gerade die Hartz-IV-Bezieher gehen kaum noch wählen, Rentner wählen unerschütterlich, was sie seit Jahrzehnten wählen, und in Bayern würde auch ein Erdmännchen in den Landtag einziehen, wenn es für die CSU kandidiert. Die Mehrheit hat die Schnauze voll, tut aber nichts, als sinnlos die Faust in der Tasche zu ballen. Gerade die Mittelschicht, die den gesamten Staat trägt, ist gefangen in ihrem eigenen Desinteresse, das Wirtschafts- und Steuersystem zu ändern, das sie zum Wettlauf im Hamsterrad zwingt. Aber innen gärt eine Wut, die eines Tages ihr Ventil suchen wird. Ein charismatischer, finanzstarker Rechtspopulist könnte das durchaus ausnutzen. Allerdings ist der deutsche Michel von seinem Naturell her eher ein fast schon japanischer Stoiker. Abgesehen davon müßten sich die Deutschen erst auf eine Bauordnung und einen Flächennutzungsplan für den Galgen einigen, und schließlich werden sie keinen Strick mit TÜV-geprüfter Sicherheit finden. Wenn es also in Deutschland kracht, dann nur bei Wahlergebnissen, und um das zu verhindern, schweigen die regierungsnahen Massenmedien alle Alternativen tot.

Helmut Reinhardt: Da zeichnen Sie ja ein nicht gerade freundliches Bild der deutschen Mentalität. Ich muss zugeben, dass ich da wesentlich zuversichtlicher bin und verweise z. B. auf die Proteste in Stuttgart gegen den Bahnhofsbau. Selbst hier in meinem dörflichen Stadtteil protestieren die Leute bereits gegen Kürzungsmaßnahmen, die u.a. darin bestehen, eine für die Kinder sehr wichtige Fußgängerampel vor der Grundschule abschalten zu wollen.

Ich denke, den Leuten geht es einfach noch nicht schlecht genug, was sich aber sicherlich bald ändern wird, wenn die Bürger merken, dass sie es mit ihrem Geld sind, die den Euro „retten“ sollen. Muß das heutige System erst völlig zusammenbrechen, damit die Menschen aufwachen?

Jörg Gastmann: Das Deutsche Volk liegt weitestgehend in psychischen Ketten, bestehend vor allem aus der propagierten Alternativlosigkeit unseres heutigen Wirtschaftssystems. Nehmen wir z.B. meinen Lieblingsschildbürgerstreich, die Schuldenbremse. Wie man z.B. derzeit in den USA sieht, würde die Einhaltung einer Verschuldungsobergrenze schon am 2. August zum Staatsbankrott der USA führen. Alle Steuersysteme sämtlicher Nationen sind bei dem Versuch gescheitert, den Staat mit einem ausreichenden Anteil an den Geschäften der Wirtschaft teilhaben zu lassen. Statt sich zu fragen, ob ein Einnahmenproblem besteht, wird überall propagiert, die Kürzung der öffentlichen Haushalte sei alternativlos. Da wird dann beteuert, man würde ja gern höhere Gehälter im öffentlichen Dienst zahlen, mehr Geld in Bildung investieren oder z.B. besagte Ampel bauen, aber die Haushalte seien nun einmal leer. Auch die Bürger in Ihrem Beispiel werden das zähneknirschend hinnehmen, und so verlaufen die Proteste im Sande. Nur die Ursache der Probleme - das Wirtschafts- und Steuersystem - stellen die Wenigsten in Frage.

Die Proteste gegen Stuttgart 21 basieren zum Großteil darauf, daß das Thema so simpel ist, daß es jeder versteht: Da sollten rd. 2 Dutzend innerstädtische Bäume gefällt werden. Punkt. Um mehr ging es zu Beginn nicht. Für ganze Regenwälder, die für Biosprit gerodet werden, finden keine Demos statt. Daß jeden Tag tausende andere Bäume an anderen Stellen der Republik abgeholzt und wieder aufgeforstet werden, spielt dabei ebenso wenig eine Rolle wie die Tatsache, daß rd. 2 Drittel der Bürger in der Region für Stuttgart 21 sind. Und schon gar keine Rolle spielen die Milliardenkosten. Angenommen, in Stuttgart würden Milliarden verschwendet - warum marschieren dann nicht Millionen Bürger zum Reichstag, um gegen die von Ihnen angesprochene mindestens hundertfache Verschwendung ihrer Steuergelder bei den sinnlosen "Euro-Rettungssschirmen" zu demonstrieren? Die Situation der öffentlichen Haushalte ist den meisten Bürgern zu abstrakt und daher egal. So richtig Wucht hat der Protest auch erst bekommen, als Herr Mappus und seine Vasallen wie Tyrannen handelten und ihr eigenes Volk mit Wasserwerfern verletzten, zum Teil sogar schwerstens. Warum weder Herr Mappus noch sein Innenminister noch der Polizeipräsident noch die Wasserwerferbesatzung wg. vorsätzlicher Körperverletzung zur Rechenschaft gezogen wurden, können sich viele Bürger nur dadurch erklären, daß das Justizsystem ebenfalls von den Regierungsparteien gesteuert wird. Sowohl die despotischen Handlungen als auch die Straflosigkeit krimineller Handlungen haben das Volk zu Recht wütend gemacht. Gesteigert wurde die Wut, als sich die Bürger bewußt wurden, wie die Regierung das Planfeststellungsverfahren an den Bürgern vorbei getrickst hat, und die Krönung war dann die Arroganz von FDP-Justizminister Goll, der die Demonstranten als "wohlstandsverwöhnt" verhöhnte. Was dann geschah, ist ein Beispiel für das, was ich zuvor sagte: Das Volk knüpfte CDU und FDP am nächsten Baum auf - und zwar per Stimmzettel. Stattdessen regiert nun ein anderer ratloser Ministerpräsident, Stuttgart 21 wird gebaut, und der Protest hat bis auf kosmetische Korrekturen nichts erreicht

Das wichtigste Projekt unserer Gesellschaft wäre ein neues Wirtschaftssystem, das die wirklich existentiellen Probleme unserer Gesellschaft lösen kann. Das müßte man dringendst diskutieren und umsetzen. Aber es ist schwieriger zu verstehen, und man kann damit auch keine medientauglichen Bilder produzieren. Obwohl es mindestens hundertmal sinnvoller ist, für eine Lösung statt gegen ein Problem zu demonstrieren, finden Demos für Lösungen kaum Interesse, schon gar nicht, wenn das Thema komplex ist.

Geht es den Leuten wirklich noch nicht schlecht genug? Bei der finanziellen Unterschicht ist das längst der Fall, und wenn man bedenkt, daß zwei Drittel aller Deutschen ein Einkommen von weniger als 1.251 € netto monatlich haben, steht auch der Mittelschicht das Wasser längst bis zum Hals. Wir leben daher in einer vorrevolutionären Phase. Bis sich die Wut entzündet, muß es den Leuten jedoch offensichtlich noch erheblich schlechter gehen als heute. Eine wesentliche Ursache für die Duldsamkeit der Bürger ist die Propaganda, daß jeder, der arm bzw. arbeitslos ist, selbst schuld sei - trotz riesigem Überangebot an Arbeitskräften. Wenn die Regierungsparteien weiterhin Renten und Hartz IV durch fehlenden Inflationsausgleich kürzen, geraten allerdings weite Teile der Bevölkerung in eine solche existentielle Not, daß ihnen gar nichts anderes übrig bleibt, als zunehmend zu "fringsen". Der  finanziellen Elite, die die Mittelschicht für sich arbeiten läßt, ist es gelungen, den Frust der Mittelschicht auf die finanzielle Unterschicht umzulenken und einen Keil in die Bevölkerung zu treiben. Die Mittelschicht rettet ja genau genommen auch nicht den Euro, sondern das Kapital der finanziellen Elite, und zwar mit einem zigfachen der Hartz IV-Beträge - aber die Mittelschicht tut nichts. Ich stimme Ihnen daher zu, daß das System erst völlig zusammenbrechen muß, bis sich der stoische deutsche Michel fragt, ob man das offensichtlich gescheiterte System nicht grundsätzlich ändern muß. Die Frage ist dabei, ob, wann und wie es zu diesem Zusammenbruch kommt. Deutschlands Staatshaushalt ist eigentlich bereits pleite, die Rentenkasse ist leer und wird durch Staatsschulden künstlich am Leben gehalten, Euro und Dollar haben ihren Wert nur noch aufgrund der Entscheidung der Großkapitalbesitzer, ihren eigenen Vermögen nicht die Existenzgrundlage zu entziehen. Auf das Kartenhaus werden von den USA über Griechenland bis Japan durch immer höhere Schulden immer mehr Etagen gestapelt. Noch haben die Bürger die Wahl, ob erst alles zusammenbrechen muß, damit über ein neues Wirtschaftssystem wie das Bandbreitenmodell nachgedacht wird.

Helmut Reinhardt: Zunächst möchte ich nochmal auf die von Ihnen zitierte Margrit Kennedy zurückkommen. Sie sagt, nicht der Zins sei das Problem, sondern der Zinseszins. Soll heißen: Nicht die Existenz von Zinsen und Profiten sind das Problem, sondern die endlose Anhäufung von Vermögen in den Händen Weniger.“

Nun, da gebe ich Ihr Recht und natürlich gibt es die Großvermögensbesitzer. Doch stellt sich die Frage, ob deren Vermögen hauptsächlich Geldvermögen sind. Ich wage es zu bezweifeln, dass die sogenannten „Geld“vermögen der oberen zehn Prozent durch irgendwelche Geldanlagen mit Hilfe des Zinseszins besonders stark wachsen. Vielmehr werden diese extrem hohen Einkommen doch durch Produktivkapital erzielt, oder sehen Sie das anders?

Ein Zinseszinseffekt entsteht doch vielmehr bei den institutionellen Anlegern, wie beispielsweise den Lebensversicherern und Pensionsfonds. Diese Ansprüche werden aber zum allergrößten Teil von Normalbürgern gehalten, während die Einkommen der oberen zehn Prozent doch in erheblichen Maße für die Ausweitung ihrer Marktmacht genutzt werden. Aldi und Lidl und deren Inhaber sind beste Beispiele dafür, - aber genau wie im Lebensmitteleinzelhandel existieren auch im Energiesektor längst nur noch Oligopole, die erst durch Entscheidungen der Politik in den letzten 15 Jahren im Rahmen des Privatisierungswahns möglich gemacht wurden.

Welche Wahl sollen die Bürger denn haben? Wie sollen sie dagegen angehen können, wenn alle etablierten Parteien mit der Industrie, den Banken und Großvermögenden unter einer Decke stecken und gegen das Allgemeinwohl regieren? Im Prinzip ist es doch völlig wurscht geworden, wen man wählt. Die von Ihnen angesprochenen Grünen scheinen das ja gerade zu beweisen. Das, was hinten raus kommt hat doch immer die gleich braune Farbe, oder?

Jörg Gastmann: Auch da stimme ich Ihnen zu. Den Begriff des Zinseszinses und das Problem der Vermögensanhäufung kann man nicht auf Geldvermögen einengen. Wenn ich mir z.B. die Liste der reichsten Menschen der Welt anschaue, sind das fast alles Eigentümer von Unternehmensanteilen, also von Produktivvermögen. Auf der Liste der reichsten Deutschen stehen sogar ausschließlich Unternehmensanteilseigner, teils leistungslos geerbt, teils selbst aufgebaut. Besitz von Kapital und Produktivvermögen sind 2 Seiten der gleichen Medaille. Im Sinne der doppelten Buchführung ist eine Aktie auf der Aktivseite der Bilanz eine Kapitaleinlage, mit der das Unternehmen arbeiten kann, und auf der Passivseite eine Verbindlichkeit des Unternehmens gegenüber dem Kapitalbesitzer. Der größte Vermögensblock der Reichen besteht aus Aktien oder anderen Gesellschaftsanteilen, für die Zinsen in Form von Eigenkapitalverzinsung/Profit an die Eigentümer fließen. Der zweitgrößte Block sind Immobilien, die durch Eigenkapitalverzinsung (bei Verkauf mit Profit) und Mietzins (bei Vermietung) das Vermögen der Kapitalbesitzer mehren. Immobilien sind ebenfalls Produktivvermögen, da sie mit  Produkten wie "Wohnraum", "Gewerbefläche" oder "landwirtschaftliche Nutzfläche" Profite erwirtschaften. Staatsanleihen schätze ich als den drittgrößten Block ein, dessen Zinsen die Steuerzahler an die Kapitalbesitzer transferieren, und schließlich kommen noch Rohstoffe, Devisen, Patente, Derivate und andere Vermögensarten hinzu, die allesamt auf den Zinsquellen Unternehmen und Staat basieren.

Die Kapitalbesitzer schichten das Geld, mit denen ihre Zinsgewinne/Profite transferiert werden, größtenteils schnellstmöglich wieder in zusätzliches, verzinsliches Vermögen um. Und so häufen sie immer mehr Unternehmensanteile und Immobilienvermögen an, bis ihnen fast die ganze Welt gehört. Lt. attac besitzt das reichste 1% der Weltbevölkerung heute bereits 99% des Weltvermögens. Da Bargeld totes Kapital ist, liegt der Anteil der Bargeldbestände am Gesamtvermögen der Reichen meist im sehr niedrigen einstelligen Prozent- oder gar Promillebereich, und in einer typischen OECD-Volkswirtschaft liegen die gesamten Bargeldbestände auch nur bei rd. 2% des Vermögens. Ihrer Aussage, die Quelle sehr hoher Einkommen seien Produktivvermögen, stimme ich also voll und ganz zu. Mit dem Bandbreitenmodell steigt der Anteil der breiten Bevölkerung an den Erträgen des Produktivvermögens ganz erheblich.

Unterscheiden muß man zwischen Vermögen und Einkommen. Zu hohe Vermögen sind ein massives globales Problem, zu hohe Einkommen selten. Den volkswirtschaftlichen Idealfall verkörpert Elton John, der sein gesamtes Vermögen zu Genusszwecken verkonsumiert und damit in die Ökonomie zurückfließen läßt. Nichts zu vererben, ist auch gesellschaftlich am gerechtesten. Der Regelfall ist jedoch, daß vermögende Menschen Erben haben, und es liegt in der menschlichen Natur, nicht nur sich selbst, sondern noch mehr seinen Kindern und Enkeln ein möglichst abgesichertes Leben ermöglichen zu wollen. Der Drang zur Vermögensanhäufung als Vorrat für mögliche schlechte Zeiten liegt als Urinstinkt in den Genen der Menschen. Also kann eine Begrenzung zu hoher Vermögen nur vom Gesetzgeber bzw. der Gemeinschaft kommen. Und das Bandbreitenmodell macht das Anlegen von Notreserven überflüssig, weil es damit systembedingt keine materielle Not mehr geben kann.

Die angesprochenen Lebensversicherungen spielen beim Zinseszins keine nennenswerte Rolle, weil ihr Anteil am Gesamtvermögen zu niedrig ist. Ihre Zinsgewinne landen zwar zum Teil bei den nicht-vermögenden Bürgern, zum Großteil aber auch bei den Aktionären der Versicherungen. Über 80% der Lebensversicherungen werden vorzeitig gekündigt, und wenn man die Inflation berücksichtigt, zahlen typische Lebensversicherungen trotz scheinbar hoher Ansparsumme monatlich nur geringe 3-stellige Beträge aus, die im Falle von Altersarmut - von der die Mehrheit der Bevölkerung durch zu niedrige Gehälter betroffen sein wird - mit den Sozialleistungen verrechnet werden. Für die Kunden sind Kapitallebensversicherungen nichts als Geldvernichtung, allen voran der größte Massenbetrug der Bundesrepublik, die Riesterrente. Kapitallebensversicherungen haben in ihrer heutigen Form keine Existenzberechtigung.

Was die Regierungsparteien betrifft, gebe ich Ihnen vollkommen Recht. Wir werden von vier Lobbyisten-Parteien regiert, die teils mehr und teils weniger durch Korruption und Interessenkonflikte oder bestenfalls Ratlosigkeit am Volk vorbei regieren. Die fünfte Partei - die Linke - handelt dort, wo sie an der Macht ist, genau so wie die anderen. Daß man bei den Grünen und der Linken größtenteils gute Absichten vermuten darf, nutzt da auch nichts, ebenso wenig wie bei den Freien Wählern, die sich auf eine kommunale Notstandsverwaltung beschränken, oder bei den Piraten, die sich den wichtigsten Politikfeldern mit der durchaus sympathischen Begründung verweigern, daß sie davon auch nichts verstehen. Dennoch ist es definitiv nicht egal, wen man wählt, weil es unter den 113 deutschen Parteien eben doch Alternativen gibt. Wenn die Wähler endlich mal über den Tellerrand der von den Medien beworbenen Parteien schauten, würden sie Parteien entdecken, die u.a. das Bandbreitenmodell und damit den Ausweg aus den zuvor genannten Problemen anbieten. Das wäre doch ein Traum, wenn sich alle Wähler erst einmal informieren, dann nachdenken, und dann wählen. Dann fliegt das Kartell der Regierungsparteien komplett aus dem Bundestag.

Helmut Reinhardt: Wie müsste Ihrer Meinung nach eine Checkliste aussehen, aus der hervorgeht, was eine Partei können muß, um als informierter und mündiger Wähler die sinnvollste Wahlentscheidung zu treffen?

Jörg Gastmann: Unter www.bandbreitenmodell.de/handlungsdruck finden Sie eine solche Checkliste, in der die großen existentiellen Probleme unserer Gesellschaft zusammengefaßt sind - und wo erklärt wird, wie das BBM sie allesamt lösen kann. Alle Wähler sollten sich fragen, welche Partei das anbietet. Beim Wort "Partei" zucken erst einmal alle reflexhaft zusammen - da haben die etablierten Parteien ganze Arbeit geleistet, den Staatsbürgern die Lust an der Demokratie auszutreiben. Aber niemand anders als Parteien kann als Gesetzgeber die Spielregeln ändern, unter denen wir alle leben, sei es Arbeitsmarkt, Steuersystem oder Geldsystem. Wenn man unbedingt unter allen Umständen immer die gleiche Partei wählen will, sollte man versuchen, seine Lieblingspartei in Richtung seiner eigenen Ziele zu bewegen. Ist man offen oder stellt man fest, daß die eigene Partei unbeweglich ist, sollte man sich Parteien anschauen, die www.bandbreitenmodell.de/vision bereits anbieten. Wer den Markt der politischen Anbieter ganz umfassend sichten will, findet im Anschriftenverzeichnis des Bundeswahlleiters alle 112 zugelassenen Parteien. Wer wählt, ohne nachzudenken, ist Teil des Problems, und wer nachdenkt, kann helfen, es zu lösen.

Helmut Reinhardt: Herr Gastmann, herzlichen Dank für das informative Gespräch, Ihre Anregungen, wertvollen Gedanken und offenen und ehrlichen Worte.

Jörg Gastmann: Ich danke Ihnen sehr für die bemerkenswert durchdachten Fragen und die Gelegenheit, ein alternatives Wirtschaftssystem vorzustellen, das hoffentlich bei cashkurs noch für Gesprächsstoff sorgen wird.

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