Im Zuge der weltweiten Finanzkrise erleben in den letzten Jahren zwei volkswirtschaftliche Ansätze eine Renaissance, die von der herkömmlichen

Schulökonomie weitestgehend ignoriert werden.

Zum einen handelt es sich um die sogenannte Österreichische Schule, deren Begründer und bedeutendsten Vertreter die Ökonomen Carl Menger, Eugen von Böhm-Bawerk, Ludwig von Mises, Friedrich August von Hayek und Murray Rothbard waren. Zum anderen ist die Freiwirtschaftslehre zu nennen, deren Begründer Silvio Gesell im Jahre 1916 sein Hauptwerk „Die natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld“ veröffentlichte. 

In der heutigen Zeit vertreten (neben vielen anderen) Thorsten Polleit (Chefökonom von Barclays Capital), Dr. phil. Michael von Prollius (Buchautor und Leiter des Wissenschaftskreis der Friedrich August von Hayek-Gesellschaft) und der Journalist und Buchautor Oliver Janich in der Öffentlichkeit die Thesen der Österreichischen Schule. Als heutige Vertreter der Freiwirtschaftslehre sind n.v.a. die Ökonomen Bernard Lietaer, Bernd Senf, Werner Onken, Ulrich Scheiper und die Buchautoren Helmut Creutz und Margrit Kennedy zu nennen.

Ich möchte an dieser Stelle unbedingt darauf hinweisen, dass man sich im Kreis der Menschen, die ein auf Gesells Theorien aufbauendes System einführen möchten, keineswegs in allen Punkten einig ist, sondern teils heftige Debatten geführt werden. Es gibt also keineswegs „die Freiwirtschaft“, sondern verschiedene Lösungsansätze.

Grundsätzlich ist es für die eigene Weiterbildung und eine evtl. Lösungsfindung heutiger Probleme immer sinnvoll, sich mit allen bestehenden Theorien auseinander zu setzen, ohne von vornherein Schubladen zu öffnen und die Vertreter dieser Ansätze entweder ablehnend oder zustimmend in einer solchen einzusperren.

Es ist im übrigen sehr bedeutsam zu realisieren, dass die ökonomischen Theorien der  Österreichischen Schule und auch der Freiwirtschaftlichen Lehre in einer Zeit entstanden sind, die sich grundsätzlich von den heutigen ökonomischen Gegebenheiten in vielen wichtigen Punkten unterscheidet. Die heutige Giralgeldschöpfung der Geschäftsbanken hat das System vor allem in der Zeit nach 1994 völlig verändert. Die Rolle der Staaten und Zentralbanken im heutigen Geldsystem ist eine völlig andere, als zu Zeiten der Entstehung der obigen volkswirtschaftlichen Theorien.

Auch wenn es sehr überraschend ist, gibt es durchaus eine Menge Gemeinsamkeiten beider Theorien, die ich in diesem Artikel aufzeigen möchte.

Außerdem soll dieser Artikel dazu dienen, Missverständnisse auf beiden Seiten auszuräumen und die Lehren der Freiwirtschaft und Österreichischen Schule wertfrei zu untersuchen.

Nachdem ich mir das neuste, sehr empfehlenswerte Buch des Focus-Money-Redakteurs Oliver Janich „Das Kapitalismus Komplott“ – ^^ nach eindringlichem Hinweis des Plan B ;-))) –  besorgt und gelesen habe, war es tatsächlich belustigend und erquickend festzustellen, dass meine schon länger vorherrschende Meinung auch hier bestätigt wurde: Es sind viel weniger gravierende Unterschiede zwischen Österreichischer Schule, Freiwirtschaftslehre und der von mir erst vor kurzem vorgestellte Idee des Trialismus zu finden, als gemeinhin vermutet wird.

Dieser Aufsatz soll im übrigen keinesfalls eine Rezension des Janich-Buches werden, welches vor allem für „Frischlinge“ in den Bereichen Ökonomie, Geld & Macht und dem dahinter stehenden Komplott der Geld- und Machtelite sehr aufschlussreich sein dürfte, doch werde ich im weiteren Text auf verschiedene Aussagen von Oliver Janich und Thorsten Polleit zu sprechen kommen.

Zum Buch „Das Kapitalismus KomplottDie geheimen Zirkel der Macht und ihre Methoden“ sei nur soviel gesagt: Falls Sie Dirk Müller aufgrund seines Buches oder auch mich wegen meiner bisherigen erschienenen Artikel für mutig halten, so muss ich sagen, dass ich beim Lesen vom Kapitalismus Komplott teilweise von „memmenhaften Gefühlen eines Waschlappens ;-)“ heimgesucht wurde. Vollsten Respekt, Herr Janich und danke schön für Ihren großen Mut!

In diesem Zusammenhang kann ich mir übrigens gerade nicht verkneifen, darauf hinzuweisen, wie unsere Volks(ver)treter und Mainstreampresse den iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad für seine Aussagen vor der UN über den 11. September hingerichtet haben, aber der „Verschwörungs“-Artikel von Herrn Janich im (für mich nicht mehr zum Mainstream zählenden) Magazin Focus Money in der deutschen Presselandschaft und bei Politikern kaum öffentliche Beachtung fand.

Der freie Währungswettbewerb

Nun gut, kommen wir zurück zum Thema. Sie wissen sicherlich, dass die Vertreter der Österreichischen Schule ein freies Marktgeld fordern und das staatliche Geldmonopol abschaffen möchten. Grundsätzlich ist man sich in Kreisen der „Österreicher“ einig, dass sich letztendlich Gold (und auch Silber) in einem freien Währungswettbewerb durchsetzen werden, wobei den Menschen die Freiheit gelassen wird, was sie als Geld verwenden möchten, wie Thorsten Polleit in diesem Interview mit Frank Meyer ausführt.

http://frank-meyer.eu/blog/index.php?p=2103&more=1&c=1&tb=1&pb=1#more2103

Silvio Gesell beschrieb in seiner Theorie die Einführung eines sogenannten Währungsamtes, also einer staatlichen Stelle (ähnlich der Monetative), die für die Ausgabe und Kontrolle des Geldes zuständig zeichnet. Unter den heutigen Befürwortern der Freiwirtschaft gibt es jedoch auch sehr viele Vertreter (u.a. Bernard Lietaer http://de.wikipedia.org/wiki/Bernard_Lietaer), die neben einer landesweit gültigen Währung die Einführung komplementärer und sektoraler Währungen für nötig und sinnvoll erachten.   

Es ist also durchaus im Interesse vieler heutiger Freiwirtschaftler ebenfalls einen freien Währungswettbewerb zuzulassen, - und mit der Ausgabe regionaler Währungen hat man genau diesen Punkt bereits in die Praxis umgesetzt. Teilweise überaus professionell, wie der Erfolg des Regiogeldes Chiemgauer zeigt: http://www.chiemgauer.info/

Des Weiteren gibt es (nicht nur) in Deutschland eine ganze Menge ähnlicher Projekte, die teilweise mehr oder weniger erfolgreich laufen. Ich selbst bin übrigens seit wenigen Wochen Inhaber des Rheingold-Girokontos mit der Kontonummer 926423, das es mir ermöglicht, über das Internet bei anderen Rheingoldern bargeldlos einzukaufen.

http://www.rheingoldregio.de/

Das Guthaben auf diesem Konto repräsentiert nichts anderes als meine persönlichen Leistungsgutscheine. Sollte ich auf den Gedanken kommen, diese elektronischen Gutscheine auszugeben, verpflichte ich mich gegenüber der Rheingold-Community meine Gutscheine auch wieder als Zahlungsmittel zu akzeptieren. Bemerkenswert daran ist, dass mir keine Kosten für die Nutzung dieses Systems, - das intern Cyclos genannt wird - entstehen. Das Konto und die elektronische Computerzahl (eine Verbriefung auf meine Waren und zukünftige Leistungen) sind mir vom Rheingold-System, - besser ausgedrückt: von mir selbst - kostenlos zur Verfügung gestellt worden. Ganz im Sinne von Thorsten Polleit habe ich mir also mein eigenes Geld erschaffen. (siehe Interview)

(Dazu ein Buchtipp für (ent-)spannende Leseabende: Der Autor John S. Cooper hat nach seinem Bestseller „Das fünfte Flugzeug“, der sich mit 9/11 befasst, vor kurzem einen empfehlenswerten Thriller über ein Alternativgeld namens ZERO veröffentlicht, das ähnlich dem Rheingold funktioniert.)

http://www.amazon.de/Zero-John-S-Cooper/dp/3462042130/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1285411890&sr=1-1

FIAT-Money und Inflation

In der Österreichischen Schule wird das staatliche Monopolgeld und seine angeblich beliebige Vermehrbarkeit durch die Staaten als Wurzel allen Übels gebrandmarkt. Auch Oliver Janich vertritt in seinem Buch die Meinung, ein durch Staaten beliebig vermehrbares Papiergeld erzeuge Inflation und führe zwangsläufig zur Enteignung der Bürger. Auf Seite 38 versucht der Autor zu erklären, wie Inflation entsteht:

[...]Warum gibt es überhaupt Inflation? [...] Die simple Antwort, die jeder versteht, lautet: Wenn die Geldmenge stärker steigt als die Gütermenge, dann kommt es zur Inflation. Schon schwerer zu verstehen ist, woher das zusätzliche Geld kommt. Nur der Staat oder die Zentralbank kann für eine höhere Geldmenge sorgen. Wenn ich keine Zeit für lange Diskussionen habe, sage ich: indem neues Geld gedruckt wird. Das reicht den meisten auch als Antwort und ist im Prinzip richtig so. Nur der Mechanismus, bei dem die Geschäftsbanken mit staatlicher Erlaubnis eine große Rolle spielen, ist komplexer.

Es ist äußerst bedauerlich, dass Oliver Janich an dieser Stelle vergisst zu erwähnen, dass es sich bei dieser Beschreibung und Definition um ein Bild handelt, dass schon seit Einführung der zweiten Stufe der Euro, Wirtschafts- und Währungsunion (WWU) am 1. Januar 1994 Geschichte ist. Artikel Nr. 101 hat eine direkte Versorgung der Euro-Staaten mit Geld von der Notenbank verboten.

http://www.europa-reden.de/info/euro.htm#ders

Doch in der Tat ist der Mechanismus, der Inflation („Aufblähen der Geldmenge“) verursacht kompliziert, weshalb es unbedingt nötig ist, ihn präzise zu untersuchen:

Im heutigen Geldsystem (seit 1994) gibt es nur drei Vorgänge, die die Geldmenge ansteigen lassen und für Inflation sorgen:

 

1.

 
 

Die Vergabe von Krediten (wobei im Gesamtsystem die Neukreditvergabe höher sein muss, als die Tilgungssumme bereits bestehender Kredite)

 
 

 

 
 

 

 
 

2.

 
 

Die Zahlung von Guthabenzinsen von einer Bank an eine Nichtbank

 
 

 

 
 

 

 
 

3.

 
 

Eine Bank kauft einen Vermögenswert (Wertpapier, Immobilie,etc.) von einer Nichtbank

 

Preissteigerungen in der Realwirtschaft ergeben sich nur dann, wenn diese zusätzliche Geldmenge auch Waren und Dienstleistungen nachfragt.

Ich habe diese teils komplexen Vorgänge bereits in verschiedenen Artikeln genau beschrieben. Details können Sie z.B. hier nachlesen: 

Auswirkungen des heutigen Geldsystems auf die Geldmengen http://www.cashkurs.com/Detailansicht.80.0.html?&cHash=f7b9bd4f1c&tx_t3blog_pi1[daxBlogList][showUid]=8530

Der Satz „Nur der Staat oder die Zentralbank kann für eine höhere Geldmenge sorgen.“ ist schlichtweg falsch und trifft auf das heutige Geldsystem spätestens seit dem 1. Januar 1994 nicht mehr zu. Staaten und Zentralbanken haben im übrigen heutzutage nur noch völlig unzureichende Möglichkeiten, die für die Realwirtschaft bedeutsame Menge an nachfragendem Geld zu steuern. Man versucht zwar durch schuldenbasierte Investitionen (z.B. Abwrackprämie) Einfluss zu nehmen, doch haben diese Maßnahmen keine nachhaltig wirksamen Auswirkungen auf die nachfragende Geldmenge, da die Giralgeldschöpfung durch Kredit in die Hände der Geschäftsbanken übergegangen ist.

Man sollte realisieren, dass die Geldschöpfung bereits seit dem 1.1.1994 gänzlich privatisiert wurde und vornehmlich durch private, gewinnorientierte Geschäftsbanken erfolgt, die im Sinne ihrer Aktionäre agieren und handeln (müssen). In diesem Sinne hat die Forderung der österreichischen Schule nach einer Privatisierung des Geldwesens mit den Änderungen von 1994 längst statt gefunden. Nicht der Staat, - wie Janich schreibt -  erlaubt den Geschäftsbanken heute irgendetwas, sondern die Geschäftsbanken „beraten“ die Politiker, die im Sinne der Bankenlobby ihre Entscheidungen treffen.

Welcher Mechanismus führt also letztendlich zur Ausweitung der Geldmenge?

... wird in Teil 2 fortgesetzt

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