Manche Anekdoten vergisst man selten bis nie. Es begab sich zu Beginn des Jahres 2006, als ein älteres Ehepaar unser Geschäft betrat, sich beraten ließ, um dann an der Kasse die eingekauften Artikel zu bezahlen. Der älteren, sehr lebenslustig wirkenden Dame fiel ein Aufkleber ins Auge, der darauf hinwies, dass unser Geschäft selbstverständlich auch Regiogeld akzeptierte. Natürlich ist diese Akzeptanz dem Umstand geschuldet, dass ich selbst es war, der mit einigen Mitstreitern dieses Geldexperiment in den Jahren 2004 und 2005 zum Laufen brachte und die Hagener Lokalwährung VolmeTALER in 250 verschiedensten Geschäften, Supermärkten und auch an diversen Tankstellen akzeptiert wurde.

„Oh“, sagte damals die nette Kundin, „haben Sie vielleicht diese neuen Scheine in der Kasse? Kann ich die mal sehen?“

„Natürlich, gern“, antwortete ich, griff in die Kasse und übergab ihr die VolmeTALER zur Begutachtung.“

„Na, die sehen aber hübsch aus.“ sprach die Kundin und begutachtete die Vorder- und Rückseiten der vier Scheine sehr intensiv und begeistert, um sich dann ihrem Mann zuzuwenden und ihm die Volmetaler hinzuhalten. 

„Wolfgang, hier nimm mal, ... sieht dieses Lokalgeld nicht toll aus?“

Doch Wolfgang hatte schon Hektikflecken im Gesicht, stand unter einer merkwürdigen, gestressten Anspannung und wollte das Regiogeld auf keinen Fall anfassen.

„Margarete, lass das!“ sprach der ältere Herr fast panisch, wobei er zwei Schritte zurückwich und Arme und Hände abwehrend von sich streckte. Panik und Angst breiteten sich in seinem Gesicht aus und mit von Furcht erfüllter, apodiktischer Stimme sagte er: „Margarete, wir brauchen so etwas nicht! Leg dieses komische Zeug wieder weg! Wir wollen mit sowas nichts zu tun haben.“

„Gott im Himmel! Was ist denn mit dem los?“, dachte ich bei mir, um nur kurz darauf hinzuweisen, dass die VolmeTALER keineswegs Hexenwerk oder eine Erfindung des Satans, sondern eine gute Sache für die lokale Wirtschaft seien. Doch meine Worte stießen bei dem Herrn auf taube Ohren, völlige Ablehnung und Unverständnis. „Man müsse das Geld vom Staat benutzen, alles andere sei Betrug“, erklärte er mir. Aha, der Staat bringt also das Geld in Umlauf ...

Leider konnte mir der Herr dann doch keine Antwort auf die Frage geben, warum denn der Staat so hoch verschuldet sei, wenn er doch selbst Geld produzieren könne. Unwirsch brach er das Gespräch an dieser Stelle ab, wobei dieses Erlebnis nur eines von vielen war, welches verdeutlichte, wie obrigkeitshörig und autoritätsgläubig der ein oder andere Zeitgenosse durch sein Leben wandelt – gerade bei den Themen Geld und Finanzen. Es ist ja noch nicht so lange her, dass Bank-„Berater“ bei vielen Menschen denselben Status wie Ärzte inne hatten: Blindes Vertrauen und höchste Verehrung.

War der VolmeTALER zu Beginn und zur Eingewöhnung – in den ersten sechs Monaten – noch durch den Euro im Umtauschverhältnis von 1:1 gedeckt, begannen wir Mitte des Jahres 2006 mit der Umsetzung der sogenannten GoGo-Edition. Ziel war es, ein unabhängiges Geldsystem zu schaffen, dass autonom und parallel zur europäischen Einheitswährung regionale Wirtschaftskreisläufe fördern und unterstützen sollte. Dieser Schritt zu einer sogenannten leistungsgedeckten Währung war für viele zunächst nur schwer verständlich. Immer wieder kamen Fragen, wo denn der Gegenwert des VolmeTALER läge, wenn er nicht durch den Euro gedeckt sei. Die Erwiderung, dass auch der Euro nur ein sogenanntes FIAT-Money sei, dessen „Wert“ einzig und allein durch Vertrauen der Bürger entstünde, brachte den ein oder anderen auf die Barrikaden, manche zum Nachdenken. Schwierig war das Erklären allemal und nahm sehr viel Zeit und Nerven in Anspruch.

Auch meine Antwort auf die Frage einer Journalistin zur Finanzierung des VolmeTALERs, wurde recht eigenartig von ihr aufgenommen. Dass der Druck der VolmeTALER mit eben diesen bezahlt werden könnte, brachte die Arme an den Rand des Wahnsinns. Es dauerte ungefähr eine halbe Stunde, bis sie überhaupt ansatzweise begreifen konnte, was mit einer Regionalwährung möglich ist, wenn sie beispielsweise auch von der Stadt und seiner Verwaltung  als Schuldentilgungsmittel akzeptiert werden würde. „Ähm, ihr gebt ja tatsächlich eigenes Geld raus. Und das ohne Zinsen zu verlangen? Ohne Banklizenz? Ähm, das, ... ähm, das könnt ihr doch nicht einfach tun! Das kann nicht funktionieren., entgegnete sie verzweifelt, wobei meine Antwort auf diese leicht gestammelte Aussage mit einem Doch! recht knapp ausfiel.

Natürlich hatten wir mit der Idee einer Regionalwährung nicht nur die Förderung der regionalen Wirtschaft und Aufklärung über das derzeitige Geldsystem im Sinn, sondern wollten auch Vorsorge treffen in Bezug auf den Crash des weltweiten Finanzsystems. Der Verleger und Autor Egon W. Kreutzer beschrieb die Sinnhaftigkeit von Regionalgeldern einmal sehr treffend mit diesen Worten:

Neben reinen Tauschringen sollten mit dem Zunehmen des Drucks der Krise auch die so genannten «Komplementärwährungen» mehr Zulauf und Akzeptanz finden. Wer keinen Euro hat, aber wenigstens einen XYZ-Taler, der kann damit kaufen und Handel treiben. Im Zweifelsfall natürlich steuerpflichtig, was auch wieder das gesetzliche Zahlungsmittel erfordert, doch ist es allemal besser, rings um den eigenen Kirchturm ein eigenes Zahlungsmittel emittieren und einsetzen zu können, als ganz auf den Euro angewiesen zu sein, der wie vom großen Staubsauger eingezogen dank größtmöglicher öffentlicher Sparsamkeit, immer seltener zu sehen sein wird.

Und wenn sich die Regionalwährungshüter im Zuge der Krise freiwillig von unnötigem Ballast befreien, wie es zum Beispiel eine Umlaufsicherung oder eine feste Bindung an den Euro, oder gar eine «Währungsreserve» in Euro darstellt, wenn sie sich also auf die Rheingold-Idee zubewegen und Geld emittieren lassen, von ihren Mitgliedern, gegen nichts als deren Zusage, die Währung auch selbst wieder anzunehmen, dann könnte das helfen, eine Not, die aus reinem Geldmangel heraus geschaffen wird, ganz ordentlich zu überstehen.

Nicht nur die Situation in Griechenland zeigt, dass das Heil des weltweiten Wirtschafts- und Finanzsystems nicht in möglichst großen Währungsräumen oder gar einer weltweiten Einheitswährung liegt, sondern die Stabilität durch viele nebeneinander exixtierenden Währungen wiederhergestellt werden könnte. Die Teilnehmer eines jeden Wirtschaftsraums sollten eine oder mehrere passende Währungen in einem freien Wettbewerb –  auch mit Geschäftsbanken, denen das Gelderzeugungsmonopol von der Politik zugesprochen wurde – unabhängig von gesetzlicher Willkür selbst bestimmen dürfen. Ob international, national, regional oder auch sektoral. Viele Standbeine sind besser und beständiger als eins und der Euro ist als einzige Währung der Klumpfuss Europas.

... wird in Teil 6 fortgesetzt.

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