Gerade in Zeiten, da in Europa Negativzinsen fast schon zur Gewohnheit werden, muss man sich darüber klar sein, dass Liquidität stets Teil einer strategischen Vermögensentwicklung und der alltäglichen Finanzplanung ist. Wer seine Liquidität richtig managt, hebt Potentiale des Vermögensaufbaus - und schafft sich Freiheit.

Was ist Liquidität?

Liquidität bedeutet "Flüssigkeit", das heißt Zahlungsfähigkeit. Es gibt in der Wissenschaft der Finanzierung und Bilanzierung verschiedene Definitionen, die hier jedoch weniger interessieren. Wenn Investoren oder der Otto-Normal-Geldanleger von Liquidität sprechen, meinen sie in der Regel einfach so etwas wie "Geld", oder die Konvertierbarkeit in Geld.  Denn Geld ist tatsächlich von allen Vermögensanlagen die "flüssigste", das heißt diejenige Anlage, die sich am schnellsten in Geld umwandeln lässt! ... kein Wunder: Geld ist ja bereits Geld. Und mit Geld kann man bezahlen.

Zwar kann man auch anders bezahlen, zum Beispiel mit gängigen Naturalien wie Eiern und Milch, aber dann braucht man Abnehmer, die diese gerade jetzt annehmen wollen. Und wenn man nicht rechtzeitig welche findet…  (Außerdem: Stellen Sie sich mal vor der Vorstandsvorsitzende der Volkswagen AG ließe sich seine Vergütung in Milch auszahlen… Wer weiß, wie viele europäische und vielleicht amerikanische Höfe dann gleichzeitig ihre Milch abgeben müssten…) Natürlich gibt es andere Bezahl-Formen, die praktikabler (handlicher, haltbarer, seltener) sind, zum Beispiel das vielgepriesene Gold. Versuchen sie mal, beim Bäcker mit Gold zu bezahlen…

Und genau das meint Liquidität. Eine Anlage ist desto liquider, je eher sie sich zu Geld machen lässt, oder je besser damit bezahlt werden kann. Das hat nicht viel mit dem zu tun, was offizielle Stellen für Geld erklären. Geld entsteht in der Praxis. In der Nachkriegszeit war das Geld in Deutschland zum Beispiel Zigaretten. Denkbar ist auch Salz. Oder Zucker. Früher Vieh (lateinisch pecus - daher kommt das Wort "pekuniär"). Natürlich auch Silber (im Französischen sind Silber und Geld etymologisch verwandt - "argent" steckt heute noch im Wort "Argentinien", das "Silberland", weil dort so viele Minen gefunden wurden). Derzeit ist Geld eine künstlich geschaffene, ungedeckte, auf Papier und Industrie-Metallstücken bescheinigte sogenannte "Währungs-"Einheit, die durch Banken mehr oder weniger (derzeit dominiert das "weniger") knapp gehalten wird und staatlich zum Zahlungsmittel erklärt wurde und somit Geldfunktion erhalten hat. Also hierzulande momentan (nach Goldmark, Papiermark, Rentenmark, Reichsmark, Zigaretten, D-Mark/Ost-Mark … um nur die letzten hundert Jahre durch zu gehen…) der Euro.

Wozu braucht man Liquidität?

Diese Frage, glaubt man, erübrigt sich. Man braucht Liquidität natürlich, um zahlungsfähig zu sein. Zahlungsfähigkeit hat im Alltag den Vorteil, Rechnungen bezahlen zu können und somit alltägliche Ausgaben tätigen zu können. Des Weiteren braucht man Liquidität für unvorhergesehene Ausgaben und - jetzt wird es interessant - für die Freiheit, überhaupt spontan Ausgaben tätigen zu können. Das spontane Verwenden von Vermögen kann Chancen heben. Etwa, wenn man, im Kleineren, ein gutes Buch sieht, und es gleich mitnehmen und lesen kann, was der Entwicklung des Persönlichkeitsvermögens und damit auch der Steigerung des Erwerbsvermögens dienen kann. Oder wenn, im Größeren, wichtige Mitarbeiter spontan eingestellt oder einer seltenen Investitionsmöglichkeit nachgegangen werden kann. Auch das Nutzen von Erholungschancen, dann wenn sie am günstigsten sind (ein Urlaub, dann, wenn man ihn gerade braucht, oder will) ist eine wertvolle Freiheit, die Liquidität ermöglicht.

Wie viel soll es sein?

Das ist die Kernfrage. Die Frage nach der Höhe der Liquidität macht schon nahezu 90% der eigenen Liquiditäts-Strategie aus. Und die Antwort muss lauten: So wenig wie möglich. Denn so attraktiv auch Liquidität aus den genannten Gründen ist: Liquidität hat einen entscheidenden Nachteil: Die Rendite ist Null. Derzeit absurderweise sogar manchmal negativ. Anders ausgedrückt: Das Potential zu bezahlen kostet! Es kostet nicht unbedingt Negativzinsen, aber es kostet positive Verzinsung, die einem entgeht. Denn statt Liquidität könnte man ja auch Unternehmen oder Häuser, zumindest Anteile davon, halten. Und das brächte auf lange Sicht Rendite. Daher kostet Liquidität Rendite. Ob nun Negativzinsen herrschen oder Minizinsen. Es ist gehopst wie gesprungen dasselbe. Geld zu besitzen, muss man sich leisten können.

Als Schüler las ich einmal in einem Buch den absurden Ratschlag, man solle immer 50 tausend D-Mark Liquidität halten. Ich hielt von diesem weltfremden Gedanken ebenso wenig wie von den übrigen Darstellungen dieses damals gefeierten Autors. Als ich das Buch im selben Jahr von einem wohlwollenden  Unwissenden zum Geschenk bekam, lehnte ich das als Beleidigung ab (wie gesagt war ich noch Schüler, also was Umgangsformen anlangt im Entwicklungsstadium). Jedenfalls meine ich später einmal von der Privatinsolvenz des Autors gelesen zu haben. Die Geschichte soll erläutern: Nein, sie brauchen keine (heute umgerechnet) 40 Tausend Euro Liquidität. Und wenn Sie sie haben, bewahrt Sie das auch nicht vor der Pleite. 

Das Dilemma

..ist also, dass man einerseits viel Liquidität haben will, um möglichst viele, große und spontane Ausgaben tätigen zu können, andererseits dafür ständig durch entgangene Rendite bezahlen muss… wodurch die Basis der Liquidität abnimmt (bei Inflation) oder nicht von alleine zunimmt.

Und die Lösung

…ist, einerseits nur wenig direkte Liquidität vorzuhalten, andererseits große Anlagen in relativ liquider Form zu halten, die einerseits Rendite bringen, anderseits aber zusätzliche Liquidität darstellen, da sie bei Bedarf schnell in Geld umgewandelt werden können. Ein gutes Beispiel dafür sind Aktien, sofern man ein gut diversifiziertes Depot hat. (Hierzu gern ein künftiger Beitrag aus der Artikelserie.)

Und wenn schon Geld, dann wenigstens…

Geld. Nur Geld ist 100% Liquide und kurzfristig fast ohne Risiko. Wenn Sie Gold halten, haben Sie - bei allen Vorteilen, die das mit sich bringt (auch hierzu spätere Beiträge) - ein Preisschwankungsrisiko und außerdem das Problem, damit nicht bezahlen zu können, sondern erst das Gold mit hohen Gebühren verkaufen zu müssen. Gold und ähnliches ist derzeit keine "wirkliche" Liquidität, sondern eher Risikoabsicherung. Wenn Liquidität, dann also Geld. Aber in welcher Form?

Bar- oder Giralgeld?

Inzwischen ist Giralgeld, also das Geld auf dem Konto oft liquider als Bargeld. Denn laufende Rechnungen zahlt man nicht bar. Insofern ist ein Minimum an Giralgeld zwingend. Ergänzt man dieses durch einen Dispo-Kredit für kurzfristigen Spielraum und ein Aktiendepot für die Option auf größere Ausgaben ist die Liquidität ausreichend gegeben und kann minimiert werden. Darüber hinaus hat Bargeld folgende Vorteile: 1) Sicherheit: Wenn das Bankensystem zusammenbrechen sollte, gibt es vor der Währungsreform noch das Bargeld, das dann sehr wahrscheinlich länger als Zahlungsmittel funktionier als das Giralgeld, das von heute auf morgen verschwinden kann. 2) Liquidität: Während Giralgeld bei laufenden Rechnungen liquider ist, ist Bargeld beim Bäcker Trumpf. Für die tägliche Flexibilität gibt es nur ein Stichwort: "Bargeld lacht." 3: Langfristige Verantwortung: Glauben Sie nicht denen, die Ihnen erzählen wollen, Bargeldhortung sei schlecht für "die Wirtschaft". Das stimmt so nicht (und muss an anderer Stelle erläutert werden). Bargeldhaltung ist aus verschiedenen Gründen wirtschaftlich neutral. Und in gewisser Hinsicht ist die Verwendung von Bargeld Bürgerpflicht. Mir persönlich ist es fast egal, wenn meine Emails und Telefongespräche abgehört werden und dazu auch noch alles was ich wann wie kaufe von Behörden, (vertrauenswürdigen und nicht-vertrauenswürdigen) und damit auch von Personen, die ich nicht kenne, nachvollziehbar ist. Aber als Bürger, als politischer Teilnehmer der Gesellschaft, kann es mir nicht egal sein. Denn Volkssouveränität geht nur durch Gewaltenteilung. Und eine lückenlose Überwachung und Kontrolle des einzelnen Bürgers zentralisiert Macht und schafft Informationsasymmetrien (die einen Wissen, die anderen nicht).  Damit einher geht die Gefahr einer Diktatur. Snowden hat das erkannt und ist hohe persönliche Opfer und Risiken eingegangen für die Erhaltung der Freiheit aller. Bargeld-Benutzung bedeutet eine Stärkung des überwachungsfreien Zahlungsverkehr und ist derzeit somit aus meiner Sicht (diesen Gedanken führe ich bei Gelegenheit mal an anderer Stelle aus) Bürgerpflicht.

Anti-Liquidität

Vermeiden sie in jedem Fall Anti-Liquidität. So bezeichne ich unnötige Festlegungen von Vermögen oder künftige Zahlungsverpflichtungen. Des Deutschen liebstes Beispiel sind (idealerweise: waren) Kapitallebensversicherung, Rentensparpläne, lebenslange Abzahlungen von untilgbaren Immobilienkrediten und so weiter…  Alles dies kann im Einzelfall sinnvoll sein, es sollte jedoch minimiert werden, weil dieser ganze Kram ständig (und sehr wirksam) Liquidität bindet ohne das Vermögen und damit das Liquiditätspotential zu steigern und somit Anti-Liquidität ist. Gegenteil von Liquidität. Liquidität ist Freiheit, Anti-Liquidität Gefangenschaft.

Als Kind sah ich einmal bei einem Freund einen Hamster, der – kaum, dass er aus dem Käfig geholt wurde - wieder dahin zurück hoppelte. Mit dem damaligen Besitzer bin ich auch heute noch befreundet. Sobald er etwas Geld übrig hat, bürdet er sich Zahlungsverpflichtungen auf, die vermeintlich sein Vermögen aufbauen oder sichern, ohne dass er versteht, wie das funktioniert oder gar eine Spur von Kontrolle darüber hat. Natürlich war mein Haustier ganz anders :) Ich hatte eine Schildkröte, die alles tat, um aus ihrem Gehege auszubrechen. Ich baute ihr immer neue Erweiterungen ihres Geheges. Trotzdem verbrachte sie jeden Tag mehrere Stunden mit dem Versuch, Zäune und Mauern hochzuklettern. Eines Tages, sie wartete ab, bis ich verreist war, schaffte sie es. Eine Nachbarin fand sie eingeklemmt zwischen Irgendwas irgendwo im Haus. Das muss vielleicht ein erschreckendes Erlebnis für die Schildkröte gewesen sein! Irgendwo eine Woche lang zu stecken. Wenn die Nachbarin sie nicht gefunden hätte: Sie wäre verhungert! Dennoch: es muss ihr Spaß gemacht haben, denn sie bleib fortan nicht etwa zufrieden im Gehege, nein, sie versuchte es munter weiter. 

Scheuer Hamster, Wilde Schildkröte

Wer sie auch sind, leben Sie Ihr Leben. Denken sie daran, dass es Alternativen gibt zu dem was man ihnen vorsetzt. Immer. Beim Punkt Geld meinen viele, man müsse es möglichst langfristig anlegen. Nein. Geld brauchen sie kurzfristig. Gönnen sie sich die Freiheit, Geld zu haben. Aber ihr Vermögen, das sollten Sie langfristig entwickeln. Mit einer überlegten, zu Ihnen passenden Strategie.

Fazit:

So wenig wie möglich Giralgeld, flankiert durch möglichst viele fast liquide renditeträchtige Anlagen und etwas Bargeld - das ist grundsätzlich sinnvolles Liquiditätsmanagement.

Beste Grüße, Ihr

Robert Velten