Unter dem lautstarken Protest von demonstrierenden Anwohnern begannen die US-Streitkräfte in Südkorea in dieser Woche mit der Stationierung des sogenannten Raketenabwehrsystem THAAD. THAAD steht für „Terminal High Altitude Area Defense“, es handelt sich um ein modernes Raketenabwehrsystem, das Geschosse abfeuert, um feindliche Raketen zu zerstören.

Die Stationierung im Südosten der koreanischen Halbinsel, rund 250 Kilometer südlich von Seoul, wurde schon im Juli des vergangenen Jahres beschlossen, als Reaktion auf die wachsende Bedrohung aus Nordkorea, wie es damals von US-Präsident Obama formuliert wurde...

Südkorea und die USA hatten sich nach mehrmonatigen Verhandlungen auf diese Maßnahme geeinigt, teilte das Verteidigungsministerium seiner Zeit in Seoul mit. Weiter hieß es, die Entscheidung würde die Sicherheit der Südkoreaner vor nordkoreanischen Atom- und Massenvernichtungswaffen garantieren.
Die Trump-Administration empfindet anscheinend einen gewissen Zeitdruck, denn die Stationierung erfolgt jetzt wesentlich früher als ursprünglich beschlossen, was wiederum mit den innenpolitischen Verhältnissen in Südkorea zu tun haben dürfte.

In Südkorea soll am 9. Mai eine vorgezogene Präsidentenwahl stattfinden, der die vom Parlament erzwungene Absetzung der konservativen Präsidentin Park Geun-Hye wegen Amtsmissbrauch vorausging. Mit ihr hatte Donald Trumps Vorgänger Barack Obama im Juli 2016 die Aufstellung des THAAD-Systems vereinbart. Die Opposition, die bei der Parlamentswahl vom April 2016 die Mehrheit in der Nationalversammlung gewann, lehnt das Projekt ab.

Russland und Peking kritisieren die militärische Aufrüstung Südkoreas und verweisen auf das fragile geostrategische Gleichgewicht im Umfeld der Halbinsel, welche die Interessen Pekings, Moskaus und Tokios tangiert.

Chinas Angst vor US-Spähattacken

Lange Zeit wurde in Peking das Zitat Maos, wonach, China und Korea gehören zusammen wie Lippen und Zähne, als Grundlage interpretiert, weshalb man die politischen Eskapaden des Nachbarlandes duldete, um Nordkorea als Puffer zu nutzen, welcher ein Vordringen der US-Streitkräfte bis an den chinesisch-koreanischen Grenzfluss Yalu verhindert. Ferner fürchtet man in Peking, dass die mit THAAD verbundenen Radaranlagen weit ins chinesische Territorium hineinspähen könnten. Aus diesem Grunde verhängte die Volksrepublik China inoffizielle Strafmaßnahmen gegen südkoreanische Firmen. Ein Sprecher des Außenministeriums forderte die USA und Südkorea am Mittwoch dazu auf, die Bauteile des Systems umgehend wieder abzutransportieren.

In Nordkorea selbst reagiert man mit den üblichen verbalen Entgleisungen. „Legt Euch nicht mit uns an", war im Parteiorgan "Rodong Sinmun" zu lesen, ergänzt durch nebulöse Drohungen, wonach sich das „US-Festland zu Asche“ verwandeln würde, im Falle eines Präventivschlages.

Nordkorea hatte erst im Januar erneut eine Atombombe zu Testzwecken gezündet, der vierte Atomwaffentest des  Landes, flankiert von einer Serie von Raketentests.
In Nordkorea wurde die sogenannte „Juche“-Ideologie, also das Streben nach ökonomischer Unabhängigkeit von ausländischen Mächten, schon Mitte der 00er Jahre zugunsten der sogenannten „Songun“-Doktrin aufgegeben.

Songun bedeutet die absolute Dominanz des Militärischen in allen Bereichen des öffentlichen Lebens. Den Bedürfnissen der Armee ist folglich alles andere untergeordnet.

Nordkorea ist also nicht das letzte stalinistisch geprägten System, wie in Ermangelung von historischen Parallelen gerne verbreitet wird, sondern einer der wenigen absolutistischen Militärstaaten weltweit. Kim Jong-un, das aktuelle Staatsoberhaupt des Regimes und Enkel des 1994 verstorbenen “ewigen Präsidenten“ Kim Il-sung, eine ähnliche Zombiegestalt wie sein verstorbener Vater, herrscht mit harter Hand.

Beobachter berichten von brutalen Säuberungen des Staatsapparates bis hin zu der Liquidierung von Familienangehörigen. Die innenpolitische Situation in Nordkorea beunruhigt die internationale Staatengemeinschaft, nicht nur die ostasiatischen Anrainerstaaten.

Weitreichende Nachwirkungen des Korea-Krieges

Ob die Aufstellung des Raketenabwehrsystems in Südkorea die Lage beruhigen wird, ist höchst fraglich.
Der blutige Korea-Krieg zu Beginn des Kalten Krieges, der zu Beginn der 1950er das Land des stillen Morgens verwüstete und die Welt erschütterte, ist seltsamerweise im historischen Bewusstsein des Westens nahezu versunken, obwohl dieser Waffengang mehr Menschenleben forderte als der spätere Vietnam-Krieg. Damals stießen die westlichen Alliierten – unter Führung der USA – direkt auf die Truppen der Volksbefreiungsarmee Pekings, was zu einem beispiellosen Blutvergießen führte.

In den USA wurde sogar zeitweise ernsthaft der Einsatz von Atomwaffen gegen das Territorium der Volksrepublik China in Erwägung gezogen.

Sicherlich, diese Ereignisse liegen schon fast so lange zurück wie der 2.Weltkrieg, doch darf hierbei nicht vergessen werden, dass die aktuelle Situation in Korea, die komplizierte geostrategische Ausgangslage, das Ergebnis des damaligen Krieges ist.

In unserer Zeiten, in der emotional instabile Personen in den Machtzentren sitzen, was nicht nur für Nordkorea gilt, können sich kalte Kriege schnell in heiße Konflikte verwandeln. Oder, um es mit den Worten des Historikers Niall Ferguson auszudrücken: “Große Mächte sind komplexe Systeme, sie sind aus einer riesigen Zahl interagierender Komponenten gemacht, die asymmetrisch organisiert sind, sodass ihre Konstruktion eher einem Termitenhügel als einer ägyptischen Pyramide gleicht. Sie operieren irgendwo zwischen Ordnung und Unordnung. Solche Systeme können eine Weile lang den Eindruck erwecken, stabil zu funktionieren; sie scheinen tatsächlich im Gleichgewicht zu sein, justieren sich aber in Wahrheit ständig neu. Doch es kommt der Moment, da komplexe Systeme den "Störfall" erleben. Ein sehr kleiner Auslöser kann eine "Phasenverschiebung" von Gleichgewicht zu Krise bewirken - ein einziges Sandkorn bringt den ganzen Haufen zum Einsturz."