In den letzten Jahren ist viel Geld nach Georgien geflossen, stellen Besucher dieser Kaukasus-Republik fest, die dieses schöne Land schon von vergangenen Besuchen her kennen.

Die West-Orientierung Georgiens hat sich rentiert, zumindest was die Infrastruktur und das Straßenbild angeht. Nagelneue Polizeistationen, die man inzwischen in jeder Kleinstadt findet, und die frisch renovierten öffentlichen Gebäude, deren Wände in Pastellfarben erstrahlen, fallen den Reisenden sofort ins Auge.

Auch die Hauptstadt Tiflis verfügt über keine postsowjetische Ausstrahlung mehr.
Der Rustalweli-Prospekt ist die Flaniermeile der georgischen Hauptstadt. Auf dem Prospekt, der sich mehrere Kilometer durch Tiflis zieht, herrscht dichtes Gedränge. Passanten und Straßenbild wirken mediterran, vielleicht auch levantinisch. Und dann ist da noch etwas anderes in der Luft, etwas, das daran erinnert, dass im Südkaukasus der mediterrane Kulturkreis seit Jahrtausenden auf den Persischen im Süden und auf den Slawischen im Norden stößt.

Tiflis hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Einerseits durch die Neubauten – spektakulär, und teilweise ordinär –, die im Volksmund als Saakaschwili-Bauten bekannt sind, weil sie zur Amtszeit des energetischen Ex-Präsidenten entstanden. Außerdem durch die teils prachtvoll, teils kitschig sanierten Altstadtviertel, in denen einst der junge Stalin sozialisiert wurde.
Doch vor allem ist ein Prozess im Gange, der auch in den südkaukasischen Nachbarstaaten zu beobachten ist: Der Ausbau der Hauptstadt auf Kosten der Provinz. Letztere wird vernachlässigt und verarmt immer mehr, Ausnahmen sind allein einige Touristenziele.

Die Regierungspartei „Georgischer Traum“ ist als stimmenstärkste Kraft aus der jüngsten Parlamentswahl in Georgien hervorgegangen.

„Georgischer Traum“ gewann in 48 Wahlkreisen von den insgesamt 50 Wahlkreisen. In den übrigen zwei Wahlkreisen siegten die unabhängige Kandidatin Salome Surabischwili und der Vertreter des Topadse-Blocks der Industriellen, Simon Nosadse.

In der ersten Wahlrunde am 8. Oktober hatte die Regierungspartei 48,7 Prozent der Stimmen bekommen. Die oppositionelle „Vereinigte Nationale Bewegung“ (UNM) von Ex-Präsident Michail Saakaschwili landete mit 27,1 Prozent auf dem zweiten Platz.

Konflikt mit Russland - Annäherung an die EU

Beherrscht wird der "Georgische Traum" vom reichsten Mann des Landes Bidzina Iwanischwili, eine zwielichtige Erscheinung, in einem Land, indem an zwielichtigen Erscheinungen auf der politischen Bühne nicht mangelt. Die Opposition wirft der Regierung Wahlmanipulationen vor.

Der Ex-Präsident Saakaschwili, der derzeit als Gouverneur des ukrainischen Gebietes Odessa residiert, mit höchst zweifelhaftem Erfolg, rief seine Anhänger zu einem Kampf gegen die Regierung in Tiflis auf. „Wir dürfen den Kopf nicht hängen lassen. Wir müssen täglich Gegendruck ausüben. Wir müssen uns umgruppieren und einen aktiven Kampf beginnen“, sagte Saakaschwili. Ob er bei den Georgiern noch Gehör findet ist fraglich.

Viele Georgier verbinden mit dem hitzköpfigen Saakaschwili noch die düsteren Erinnerungen an das  Jahr 2008, als der sogenannte Fünftagekrieg zwischen Georgien und Russland tobte. Schon Anfang der 1990er Jahre, vor und nach dem Untergang der Sowjetunion, wurde Georgien von den Sezessionskriegen der abtrünnigen Republiken Süd-Ossetien und Abchasien erschüttert. Tausende Menschen kamen ums Leben, Hunderttausende wurden zu Flüchtlingen, teilweise sind sie es bis heute geblieben. Nach dem letzten militärischen Konflikt mit Russland 2008 scheinen Abchasien und Ossetien für Georgien verlorene Territorien zu sein, da Moskau deren Unabhängigkeit anerkennt. Die Gefahr besteht, dass jede weitere Annäherung Georgiens an die EU und NATO diese Teilung zementiert.

Auf dem EU-Gipfel in Brüssel wurde 2014 ein Assoziierungsabkommen mit der Ukraine, Moldau und Georgien unterzeichnet. Dieses Vertragswerk löst in der Region neue Spannungen aus, die schon im November 2013 begannen, als der damalige, inzwischen gestürzte Präsident der Ukraine, Viktor Janukowitsch, seine Unterschrift verweigerte. Dieses führte zu den Protesten auf dem Maidan, der Flucht Janukowitschs, der Annektierung der Krim durch Russland und den anhaltenden Kämpfen in der Ost-Ukraine.

Mit dem Vorstoß der EU in Richtung Kaukasus gibt es neuen Konfliktstoff, auch wenn es dabei nicht um eine Vollmitgliedschaft der betreffenden Länder geht.
Während Georgien dem Westen zugeführt werden soll, ist Armenien in tiefe Armut versunken und orientiert sich eng an Moskau und Teheran, den beiden historischen Schutzmächten der Armenier. Aserbaidshan hingegen boomt, basierend auf seinem Erdöl-Reichtum und ist dabei sich geopolitisch neu zu positionieren, nicht mehr als Brückenkopf des Westens, sondern sich Iran und Russland nähernd.

Georgien betrachtet sich schon seit Jahrtausenden als der "Balkon Europas". Ob eine Annäherung, gar eine Vollmitgliedschaft in der orientierungslosen und politisch angeschlagenen EU unserer Tage somit eine Lösung wäre, bleibt fraglich.
Allerdings bleibt der Südkaukasus nicht nur eine historische Wiege des heutigen Europas, sondern auch dessen Schicksal, aufgrund der geographischen Nähe.
Es ist also im Interesse Brüssels, den Ereignissen dort eine größere Aufmerksamkeit zu widmen,ohne als Erfüllungsgehilfe Washingtons zu agieren, sondern eigene, außenpolitische Zielsetzungen zu definieren.

Die Frage, ob Georgien zu Europa gehört, lässt sich am Besten mit Paul Valery beantworten, der einst darauf hinwies, dass Europa doch nur ein Kap Asiens sei.