Neben Anschlägen spielten die verdeckte Kriegsführung auch in der geopolitischen Dimension eine gewichtige Rolle. Anfang der 1960er entwarf die US-Regierung unter John F. Kennedy den Plan namens „Operation Northwoods“. Darin stand, dass Terroranschläge inszeniert und dem kubanischen Revolutionär Fidel Castro in die Schuhe geschoben werden sollten. Damit wollte man einen Grund für einen Angriff auf ihn schaffen. Die Memoiren des damaligen Verteidigungsministers sowie Pentagon-Papiere belegen, dass der so genannte "Tonkin-Zwischenfall" 1964 eine solche Operation unter falscher Flagge gewesen ist, um einen Vorwand für den Vietnam-Krieg zu haben. Gibt es Beispiele oder zumindest Verdachtsmomente, dass derartige "False-Flag-Operationen" im Ukraine- oder Syrien-Konflikt stattgefunden haben?

Ja, auf jeden Fall. Noch etwas zu „Operation Northwoods“. Das ist für die historische Forschung eigentlich das Schlüsseldokument zum Bereich Verdeckte Kriegsführung. Es ist ein Originaldokument, dass vom damaligen Generalstabschef Lemnitzer, also dem höchsten Offizier im Pentagon, unterzeichnet wurde. Er schlägt darin vor, ein Flugzeug oder ein Schiff die Luft zu sprengen bzw. Terroraschläge in Washington oder Florida  zu verüben, um es dann Fidel Castro anzuhängen. Das ist false flag terror.

Ich habe neulich in einem Vortrag gesagt, dass die USA keine Demokratie sei. Sie ist vielmehr eine Oligarchie, also eine Struktur, in der die Elite herrscht. Aber gehen wir mal davon aus, dass die USA lange eine Demokratie war. Dann kann man sagen, dass es in einer Demokratie unüblich ist, dass der Geheimdienst und das Militär einen Angriff unter falscher Flagge planen. Die Betonung liegt auf Planen, da Northwoods ja nicht umgesetzt wurde. Ich erkläre meinen Geschichtsstudenten immer wieder, dass genau das im diesem Dokument zum Ausdruck kommt.

Aber wir haben beobachtet, dass in der Ukraine die False-Flag-Operationen eingesetzt wurden, und zwar am 20. Februar 2014. Damals standen sich auf dem Maidan-Platz in Kiew zwei Gruppen gegenüber. Einerseits die Polizisten der Berkut, das sind regierungstreue Spezialeinheiten, und auf der anderen Seite die Demonstranten, die die Regierung von Präsident Janukowitsch stürzen wollten. Auf den Dächern rundherum waren Scharfschützen, und schossen in die Menge, sowohl auf die Berkut-Einheiten als auch die Demonstranten. Wir haben nun den Funkverkehr der Berkut-Einheiten. Da wird gesagt: „Wer schießt da? Wer sind diese Leute?“ Und daraus geht hervor, dass die Berkut untereinander sagen: „Wir sind das nicht! Zieht Euch zurück!“ Sie haben Tote und Verwundete und ziehen sich zurück. Das ist ein klassisches Beispiel für False-Flag. Danach haben die westlichen Medien und die Vertreter der Protestaktion gesagt, das waren die Polizeieinheiten. Die waren es aber nicht. Auch in den Medien in Deutschland und in der Schweiz, und vor allem in den USA und in England hieß es dann: „Der Präsident Janukowitsch erschießt sein eigenes Volk.“ Das war aber nicht der Fall. Doch der Druck war groß, der Präsident ist dann zurückgetreten und nach Moskau geflogen.

Aber hier haben wir auch ein klassisches Beispiel, dass die Journalisten oft nicht fähig sind, diese Details zu erkennen und dann völlig falsch berichten. Wir haben eben verdeckte Akteure, die Chaos säen. Und dieses Chaos hat dann dazu geführt, dass die Regierung gestürzt wurde. Das ist ein Fall von „False Flag Strategy of Tension“ – eine Strategie unter falscher Flagge, um Spannungen zu erzeugen. Wir wissen aber nicht, wer die Akteure waren. Das ist das Problem. Aber das Ziel die Regierung zu stürzen, hat funktioniert.

Und das Ziel die Regierung in Syrien zu stürzen, wird immer noch verfolgt...

Ja, in Syrien haben wir das ebenfalls. Als im März 2011 der Syrien-Krieg ausbricht, sehen wir, dass man dort eigentlich die Sicherheitseinheiten von Präsident Assad angegriffen hat, also die Polizei und das Militär. Das waren verdeckte Kriege, die durch Saudi-Arabien und Katar unterstützt wurden. Das heißt Saudi-Arabien und Katar haben Versuche unternommen, in Syrien den Präsidenten Assad zu stürzen – was natürlich illegal ist. Sie haben aber nie Panzer geschickt, die über die Grenze rollen. Sie haben stattdessen radikale Sunniten unterstützt, welche dann den Sicherheitsapparat der Syrer angreifen. Und als die Syrer zurückgeschossen haben, hat man gesagt, dass Assad sein Volk erschieße. Ich sage immer wieder, dass man da genau hinschauen muss, was da im März 2011 in Syrien eigentlich genau passiert ist.

Bleiben wir im Jahr 2011 und greifen als drittes Land noch Libyen mit auf. Wie sieht es dort mit False-Flag-Operationen bzw. der Medienberichterstattung aus?

Mit den Medien ist das so als wenn Sie da draußen im kalten Berlin zu jemandem sagen: „Ziehen Sie mal Ihren Mantel ab.“ Da sehen Sie, dass er darunter ein Hemd trägt. Da sagt man, er trägt ein Hemd auf nackter Haut. Und das wäre dann sozusagen der Medienbericht. Die Medien bleiben oft oberflächlich. Ich forsche zur verdeckten Kriegsführung, und ich sage, Sie tragen noch ein Unterhemd, sie tragen Unterwäsche. Das Hemd ist nicht die letzte Schicht. Mit dem Bild will ich sagen: Historiker welche verdeckte Operationen müssen tief graben, sie müssen die Operationen der Geheimdienste und der Spezialeinheiten entschlüsseln, was schwierig ist. Das braucht auch Zeit, die haben die Medien oft nicht. Der Vorteil der historischen Forschung über die Verdeckte Kriegsführung ist es, dass sie genau hinschaut, also immer eine Schicht tiefer geht.

Zu den False-Flag-Operationen in Libyen: Dort sind der MI6 und der CIA sowie britische und amerikanische Spezialeinheiten im Jahr 2011 eingesickert. Sie haben die Gegner von Gaddafi aufgebaut, die dann den Sicherheitsapparat angegriffen haben. Gaddafis Truppen haben dann zurückgeschossen, woraufhin die Engländer, Amerikaner und Franzosen gesagt haben, dass der Gaddafi sein Volk umbringt. Aber wie in der Ukraine ist das eben falsch. Das ist einfach nicht sauber analysiert. Und darum finde ich es sehr wichtig, dass man hinter die Kulissen der Macht blickt. Man muss doch auch erklären, dass zuvor – und das ist illegal – Geheimagenten ins Land eingesickert sind um es absichtlich zu destabilisieren. Das widerspricht der UNO Charta und dem Völkerrecht, es ist nicht erlaubt.

Sie sagen, dass es sich beim Syrien-Konflikt in Wirklichkeit um einen Krieg um Erdölpipelines handelt. Können Sie das näher ausführen?

Es wird ja immer gesagt, dass der Syrien-Konflikt einer ist, um den Terrorismus zu bekämpfen. Das ist völliger Unsinn. Der Terrorismus ist ein Instrument, um Assad zu stürzen. Man hat die Al-Qaida-Terroristen in Afghanistan in den 80er Jahren mit Waffen und Stinger-Raketen unterstützt. Das war die Geburt der Al-Qaida. Da haben wir die Dokumente, und die sind eindeutig. Die CIA hat radikale Sunniten aus Saudi-Arabien nach Afghanistan geflogen, um dort die Sowjetunion zu schlagen. Die Sowjets sind zu hunderttausend Mann 1979 in Afghanistan einmarschiert und haben den Krieg verloren. Die verdeckte Kriegsführung untersucht natürlich solche Guerillakriege.

Wenn man den Afghanistan-Krieg betrachtet, sieht man, dass das Element Terrorismus eines ist, um den Gegner zu töten, zu schwächen und zu bezwingen. Die Amerikaner haben den Sowjets in Afghanistan quasi ein Vietnam beschert. Diese Niederlage in Afghanistan hat ohne jeden Zweifel die Sowjetunion sehr geschwächt und mit dazu beigetragen, dass sie zusammenstürzt.

Jetzt zu Syrien: Dort haben Sie eigentlich ein Afghanistan 2.0. Es werden wieder Terroristen in das Land geschickt. Die nennt man zwar Rebellen oder moderate Rebellen, aber das ist nur Augenwischerei. De facto hat man einfach alle Gegner von Assad bewaffnet, egal, ob sie nun Leute enthaupten oder nicht. Man wollte ihn einfach stürzen. Warum will man ihn stürzen? Man will ihn stürzen, weil Katar und Saudi-Arabien eine Pipeline durch Syrien bauen wollen. Von einem riesigen Erdgasfeld im Persischen Golf. Das heißt „South Pars“ und „North Field“. Es gibt sind zwei Namen, weil es zwei Teile sind. Ein Katar-Teil und ein Iran-Teil. Es ist das größte Erdgasfeld der Welt. Da geht es um Milliarden. Katar möchte dieses Erdgas auf den europäischen Markt bringen. Aber Assad hat 2009 gesagt, dass er diese Pipeline durch sein Land nicht will. Dann brach 2011 der Krieg aus.

Und die Amerikaner haben neben dem Erdgas das Interesse in Syrien die Regierung zu stürzen, weil sie das Land sozusagen als eine sowjetische Kolonie betrachten. Es ist eindeutig bewiesen, dass die Syrer immer ihre Waffen bei den Russen gekauft haben, und dass die Russen mit Latakia und Tartus zwei Militärstützpunkte in Syrien haben. Also, wenn man so will: Syrien ist im Einflussbereich der Russen. Die USA versuchen eben diesen Einflussbereich Russlands, wo immer sie können -  also auch in der Ukraine -, zurückzudrängen und zu zerschlagen. Das sieht man auch bei der NATO Osterweiterung. Da haben wir also insgesamt eine Konstellation, wo es um Öl und Gas geht – wie immer im Nahen Osten. Darüber hinaus geht es um Geostrategie und Militärstützpunkte. Die Amerikaner und die Saudis arbeiten zusammen mit den Katarern, den Türken, den Franzosen und auch Deutschland, um Assad zu stürzen. Indes versuchen die Russen, die Iraner und die Hisbollah, den syrischen Präsidenten an der Macht zu halten. 

Die "Shanghai Cooperation Organisation" (SCO), der momentan China, Russland und vier zentralasiatische Staaten angehören, wird von Experten ab und an als "NATO des Ostens" bezeichnet. Mitte 2017 werden Indien und Pakistan als Vollmitglieder beitreten, der Beitritt des Iran, der zurzeit noch Beobachterstatus innehat, wird in Betracht gezogen und sogar eine Aufnahme der Türkei, die eine Dialogpartnerschaft besitzt. Glauben Sie, dass Sie ein ernstzunehmender Gegner für die NATO ist oder sich zu solch einem entwickeln könnte?

Die SCO hat, wenn Sie das Verteidigungsbudget der beteiligten Länder anschauen, bei Weitem nicht die finanzielle Schlagkraft der NATO – einfach gar nicht. Die NATO ist das größte Militärbündnis, das es überhaupt gibt. Mit einem Jahresbudget von 900 Milliarden, wenn man alle 28 Länder zusammennimmt. Zum Vergleich: Das Verteidigungsbudget der Russen ist 90 Milliarden. Also das sind zwei völlig verschiedene Gewichtsklassen, wenn man im Boxerdeutsch spricht. Die NATO ist das Schwergewicht, also die Liga von Mike Tyson. Und tatsächlich wie Mike Tyson, der ja Evander Holyfield das Ohr abgebissen hat, ist die NATO auch sehr aggressiv. Sie ist sehr aggressiv und sehr gefährlich. Sie ist nicht ein Verteidigungsbündnis, sie ist ein Angriffsbündnis. Das hat man in Afghanistan, im Irak, in Libyen oder in Serbien gesehen. Und die SCO ist jetzt ein Mittelgewicht. Dieses Mittelgewicht hat natürlich mit Russland und mit China zwei Nuklearmächte drin. Wenn Sie Pakistan und Indien noch mit dazu nehmen, sehen Sie, dass die SCO vier Nuklearmächte als Mitglieder zählt. Und was man bei der SCO sieht, ist, dass sie unglaublich viele Menschen aufbieten können. Sie sind numerisch, also von der Truppenstärke her, größer. Und darum ist die SCO eine reale Herausforderung für die NATO. Aber im Bereich Luftraum und auch im Bereich maritime Kontrolle ist sie noch keine Herausforderung.

Der Hauptpunkt bei der SCO ist eigentlich, wenn Westeuropa aus der NATO austreten und in die SCO eintreten würde, dann würde das ein Gebiet von Portugal bis Wladiwostok umfassen. Wenn diese eurasische Platte geeint ist, wäre das der absolute Albtraum für die USA. Weil dann wären sie sozusagen einfach eine isolierte Insel auf der anderen Seite des Atlantiks. Und darum werden die USA alles dafür tun, die SCO zu spalten und zu schwächen. Georg Friedman, ein amerikanischer Geostratege von Stratfor hat gesagt, es wäre im Interesse des amerikanischen Imperiums, wenn die Deutschen und Russen sich gegenseitig töten. Das ist zynisch, das ist amoralisch, aber er hat es gesagt. Wenn man zwischen Deutschland und Russland die Lunte zur Kriegsführung legen könnte, im Ukraine-Konflikt oder anderswo, würden sich die zwei Länder gegenseitig schwächen. Das wäre im Interesse der USA, die sind das gegenwärtige Imperium. Die SCO würde sich dann niemals bis an den Atlantik ausdehnen. Und es ist auch sehr einfach, die Spannungen zwischen Pakistan und Indien zu schüren, weil das sind Muslime und Hindus mit traditionellen Rivalitäten etc. Zusammengefasst heißt das: Die SCO ist geostrategisch relevant, aber nicht auf der Höhe der NATO.

Wie hoch schätzen Sie die Gefahr für einen Dritten Weltkrieg ein?

Ich glaube und hoffe nicht, dass es zum Dritten Weltkrieg kommt, weil die beteiligten Akteure ja eigentlich keinen nuklearen Abtausch wollen. Ich habe die Kuba-Krise untersucht und dort beobachtet, dass Chruschtschow und Kennedy am Schluss eben den Finger vom Abzug wieder weggenommen haben. Ein großer Teil ist immer Bluff. Der nukleare Holocaust, dass also über den Atlantik und überall die Atombomben fliegen, halte ich nicht für wahrscheinlich. Trotzdem bin ich sehr in der Friedensbewegung engagiert, weil die Spannungen sind sehr real weil wir eine Welt mit sieben Milliarden Menschen sind – und die Bevölkerung wächst. Wir waren im Jahr 1800 nur eine Milliarde. Wir sind in den letzten zweihundert Jahren netto um sechs Milliarden gewachsen. Damit nehmen auch die Rohstoffkämpfe nehmen zu. Zudem intensiviert sich natürlich das Zerstörungspotenzial, das wir als Menschen haben, vor allem mit den vielen Atommächten. Das Risiko, dass eine Gewaltspirale außer Kontrolle gerät, ist immer da. Daher versuche ich mit meinen Büchern und Vorträgen die Friedensbewegung zu stärken. Ich zeige auf, wie Kriegspropaganda funktioniert, was verdeckte Kriege sind, und wie die Fäden hinter den Kulissen der Macht gezogen werden.

Meine Kinder sind acht und zehn Jahre alt. Für sie und alle anderen Kinder auf der Welt wünsche ich mir ein 21. Jahrhundert, in dem die Kinder friedlich aufwachsen können, und nicht Atomkriege erleben. Daher bin ich nicht nur als Wissenschaftler, sondern auch als Vater sehr für den Frieden.

Was ist Ihre Meinung als ein Anführer der Friedensbewegung, wie man der Kriegsgefahr umgehen sollte?

Die Friedensbewegung sagt, dass wir grundsätzlich abrüsten und versuchen müssen, Konflikte ohne Gewalt zu lösen. Wir müssen uns auch darin trainieren, den anderen zu verstehen. Und nicht eigentlich immer wieder den anderen diffamieren, und über Kriegspropaganda dann den anderen als „für den Abschuss reif“ darzustellen.

Gehen Sie bitte genauer auf diese Kriegspropaganda ein.

Wir haben in den letzten zehn Jahren auch in Europa ganz viel Kriegspropaganda erlebt. Im Moment ist Putin-Bashing angesagt und vorher war es Assad-Bashing. Sie sehen das immer auf dem Spiegel Cover. Davor wurde sozusagen auf Gaddafi, Saddam Hussein und Milošević eingeprügelt, die jetzt alle tot sind. Die geostrategischen Gegner werden immer wieder mit dem Frame - also dem gedanklichen Deutungsrahmen - „Böser Mann“ belegt. Und danach werden sie zum Abschuss frei gegeben. Das ist nur eine ganz üble Taktik der Kriegspropaganda, weil de facto geht es nie um einen bösen Mann, sondern es geht immer um Einflusszonen, um Rohstoffe, um Geld und um Macht. Mit dieser Kriegspropaganda wird das Volk verwirrt. Dann lügt man, dass Saddam Hussein ABC-Waffen hätte usw.

Wir tanzen auf dem Vulkan, und ich wünsche mir, dass die Friedensbewegung im 21. Jahrhundert stärker wird. Darum mache ich auch diese Analysen zu den verdeckten Kriegen, damit die Menschen verstehen, was wirklich hinter den Kulissen läuft. Wenn wir nur die Kulissen anschauen, verstehen wir es nicht. Wir müssen hinter die Kulissen blicken.

Zum ersten Teil dieses Interviews zu NATO-Geheimarmeen und Verdeckter Kriegsführung geht es hier.

Den dritten und letzten Teil des Interviews mit Dr. Ganser mit den Schwerpunkten Medienkompetenz und Autonomie der Wissenschaft können Sie ab kommenden Freitag (18 Uhr) hier auf Cashkurs lesen.