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Nachdem mein Beitrag „Der letzte Flug und Fall des Jürgen W. Möllemann“ am 5.06.2013 hier auf cashkurs.com erschienen war, habe ich seitens meiner Springerkollegen weitere, interessante Informationen zum Fall Möllemann erhalten. Zum einen trägt dieses Insiderwissen erheblich zur Wahrheitsfindung bei, zum anderen muss ich jedoch eine meiner persönlichen Einschätzungen zur Springerpersönlichkeit Möllemanns revidieren.

Tatsächlich hat die Springerin, die von Möllemann Autoschlüssel und Notfall-Telefonnummer erhalten hat, ihr komisches Bauchgefühl nicht gänzlich für sich behalten. Sie vertraute sich einem befreundeten Springer an, der später neben Möllemann im Flugzeug saß und tatsächlich auf den Gedanken einer möglichen Suizidabsicht kam. Dieser Springer behielt „Mölli“ - wie er unter Springern genannt wurde - daraufhin im Auge, um weitere Anhaltspunkte für eine mögliche Selbstmordabsicht zu finden.

Nach einem Telefonat Möllemanns mit einer seiner Töchter (wurde später durch die Polizei recherchiert), das er auf dem benachbarten Parkplatz führte, sprach dieser Springer Jürgen Möllemann vor dem Sprung an. Er fragte Möllemann aufgrund der bereits vermuteten Selbsttötungsabsicht explizit, ob er sein Notfallsystem Cypres eingeschaltet habe. Jürgen Möllemann beantwortete die Frage mit einem deutlichen „Ja, klar!“. Die sofortige Kontrolle nach dem Absturz Möllemanns ergab jedoch, dass das AAD nicht eingeschaltet war.

Man könnte nun auf den Gedanken kommen, dass man Jürgen Möllemann aufgrund des Verdachts einer Selbstmordabsicht nicht hätte ins Flugzeug lassen dürfen. Der Gedanke ist jedoch mehr als abwegig, denn Jürgen Möllemann war Eigentümer der Maschine. Er hätte auch ohne Fallschirm, nackt und alleine in seine Pilatus Porter steigen können und dürfen, wenn er gewollt hätte. Im Gegensatz zu anderen Springern gab es kein Vetorecht des Sprungdienstleiters.

Zumal dieser es damals für völlig abwegig hielt, dass ein Mann vom Format Möllemanns sich selbst töten könnte, wie er mir persönlich versicherte. Dass Möllemann nicht ausdrücklich auf eine eventuelle Selbsttötungsabsicht angesprochen wurde, hatte ein anderer Springer damals mit der Frage kommentiert: „Würden Sie Gott nach der Bibel fragen?“     

Denn Möllemann galt unter Fallschirmspringern als Sicherheitsfanatiker. Beispielsweise mussten Mindestabsprunghöhen bei Sprüngen, an denen Möllemann teilnahm, strikt eingehalten werden. Entgegen der üblichen Laienmeinung ist es nämlich sicherer aus größerer Höhe bis 4000 m [1] abzuspringen, als einen „Flachen“ zu machen, wie wir Fallschirmspringer sagen. Sicherer deshalb, weil man in der Luft einfach mehr Zeit hat mit möglichen Problemen fertig zu werden. Das gleiche gilt für die Höhe über Boden, wenn ein Fallschirm geöffnet wird. Möllemann war bekannt dafür, dass er seinen Schirm in der Regel schon sehr hoch öffnete. Genau aus diesem Grund gelten eben auch Base-Jumps von Felsen oder Gebäuden als gefährlichste Disziplin des Fallschirmspringens.

Meine persönliche Einschätzung im Artikel, dass es ungewöhnlich für einen RW-Springer sei, einen Formationssprung abzulehnen ist zwar richtig, trifft aber im Speziellen auf Jürgen Möllemann nicht zu. Möllemann hat in seinem Springerleben sehr oft Solosprünge durchgeführt oder ist nur in Begleitung eines Videomannes gesprungen. Von daher muss ich an dieser Stelle meine persönliche Einschätzung revidieren. Es war nicht weiter ungewöhnlich, dass er bei seinem Todessprung zuvor eine Teilnahme an einem Formationssprung abgelehnt hatte.

Nachdem Jürgen Möllemann nach der regulären Öffnung seiner vollfunktionsfähigen Hauptkappe von der Öffnungsstelle zum Landeplatz geflogen war, trennte er diese ab und ließ sich in stabiler Freifallhaltung in den Tod fallen. Schon dieser Umstand schließt eine eventuelle Ohnmacht und/oder Herzinfarkt oder ähnliches aus. Doch kommt noch eine Tatsache hinzu, die äußerst bizarr klingt, doch trotzdem so stattgefunden hat. Jürgen Möllemann riss sich kurz vor dem Aufprall seine Sprungbrille vom Kopf, was durch mehrere Zeugenaussagen belegt wurde. Mir persönlich erschließt sich dieses Verhalten nicht. Es zeigt jedoch, dass er genau wusste, was er tat und dass er vor dem tödlichen Aufprall bei vollem Bewusstsein war.

Mir persönlich hat der Fall Möllemann jedenfalls gezeigt, dass man sehr, sehr vorsichtig sein sollte, wenn man Berichte und Artikel vermeintlicher Experten im Internet zu bestimmten Sachverhalten liest. Genauso verhält es sich mit Beiträgen der Mainstreammedien, die im Fall Möllemann auch sehr viel Unsinn berichtet haben - beispielsweise das Trennkissen als Reservegriff bezeichnet haben. Der Fall Möllemann zeigt des Weiteren, dass nicht an jeder  Verschwörungstheorie etwas dran sein muss. Das soll aber auch nicht heißen, dass manche nicht stimmen oder schlüssig sind.

Als Fazit sollte das für uns bedeuten: Die Wahrheit findet man nur, wenn man seine Nase ganz tief hineinsteckt. Nur Schnuppern reicht nicht! 

[1] Bis zu einer Höhe von 4000 m ist genügend Sauerstoff in der Luft. Über 4000 m wird die Luft sehr schnell zu dünn, was zu Ausfallerscheinungen des menschlichen Gehirns und Körpers führen kann.

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