Auch in Japan gibt es politische Extremisten, auf der linken, wie auf der rechten Seite.

Den mit Japan vertrauten Lesern werden sicherlich die ominösen Lautsprecher-Trucks der militanten Rechten bekannt sein, welche mit ohrenbetäubender Marschmusik sonntags durch Tokyos Straßen fahren. Auch das jährliche Bohei im Yasukuni-Schrein am 15. August, dem Tag der Kapitulation Japans im 2. Weltkrieg, welchen die extremen Rechten gern für sich instrumentalisieren, mag in Deutschland dem einen oder anderen geläufig sein.

Es gibt jedoch auch eine genauso militante Linke, welche viel früher von sich reden machte: 1971 gründete die damals 26jährige Fusako Shigenobu die „Japanese Red Army“ (JRA) mit Unterstützung der palästinensischen Befreiungsfront Yassir Arafats. Die JRA war in den 1970er und 1980er Jahren für eine Reihe von Bombenanschlägen und Entführungen bekannt. Der bekannteste Vorfall hier war der Anschlag auf das Hauptquartier von Mitsubishi Heavy Industries 1974.

Im Gegensatz zu westlichen Ländern geht die japanische Bevölkerung mit dem politischen Extremismus in ihrem Land jedoch völlig anders um.

Wer längere Zeit in Japan gelebt hat, kennt sie: Wie weißen und schwarzen Mini-Trucks und SUVs mit den aufgeschraubten Lautsprechern auf dem Autodach, welche mit gehissten National- und japanischen Reichskriegsflaggen und ohrenbetäubender Militärmusik sonntags morgens durch die Straßen Tokyos fahren und dem durchschnittlichen Angestellten, der sich an dem Tag endlich einmal auszuschlafen gedenkt, diese kleine Freude verwehren.

Auch der jährliche Aufmarsch von Nationalisten und Rechtsextremen am Yasukuni-Schrein, einem shintoistischen Schrein in Zentrum der Hauptstadt, welcher der Millionen japanischen Kriegstoten seit dem russo-japanischen Krieg 1894/95 gedenkt, unter denen auch 12 verurteilte Kriegsverbrecher des 2. Weltkrieges sind, ist sicherlich dem einen oder anderen geläufig.

Und wie jedes Jahr gibt es einen medialen Aufschrei vor allem in der koreanischen, chinesischen und russischen Presse, verbunden mit Forderungen an die japanische Regierung, diese Veranstaltungen doch endlich zu unterbinden. Mit mehr oder weniger stoischer Gleichgültigkeit werden solche Forderungen auch jedes Mal von Tokyo ignoriert.

Dies hat vor allem taktische Züge: man bietet – unter Auflagen natürlich – den Extremisten eine Möglichkeit, sich einmal im Jahr zu präsentieren. Im Gegenzug halten sich diese peinlich genau an die Auflagen (Demonstrationsstrecke, Dezibelstärke, Plakatgröße, Zeitfenster) und geben danach wieder ein Jahr lang Ruhe. Dem Ausland kann man dadurch vermitteln, dass diese Ereignisse regional und zeitlich beschränkt sind und diese Gruppen am Rande der Gesellschaft nichts mit der demokratischen Gesellschaftsmitte gemeinsam haben.

Versammlungen von Rechtsextremen

Als ich vor kurzem in Shinjuku, einem Geschäftsviertel im Norden Tokyos, unterwegs war, wurde ich wieder einmal einer kleinen Versammlung von Rechtsextremen gewahr. Die Kriegsflaggen konnte man schon von weitem sehen und das heisere Gebrüll durch die dafür viel zu kleinen Verstärker war schon von weitem sichtbar.

Erstaunlich war, dass sich auf der anderen Seite des Fußweges (nicht der Strasse) deren linke Gegenspieler aufgebaut hatten und ebenfalls mit Megaphonen, Plakaten und Verstärkern ausgerüstet waren.

Diese beiden Seiten warfen sich nun gegenseitig ihre Aggressionen an den Kopf, wobei die elektronische Ausrüstung und die markanten aufgestellten Reichskriegsflaggen den Rechtsextremen einen kleinen Vorteil verschaffte.

Beide Gruppen wurden von der Polizei, von denen ich maximal zehn Beamte zählte, in fein säuberlich abgetrennte Areale eingeteilt. Diese Areale waren nur mit Verkehrshütchen und Plastik-Trennstangen gekennzeichnet. Jede Gruppe, ungeachtet ihrer aggressiven Rhetorik, hielt sich peinlich genau innerhalb ihres von der Polizei vorgeschriebenen Areals.

Zwischen beiden Gruppen lies die Polizei einen ca. 3 Meter breiten Mittelstreifen auf dem Fußweg, bat vorbeigehende Passanten jedoch, diesen Streifen nicht zu benutzen, hinten um die beiden Gruppen herumzugehen.

Es bot sich also ein bizarres Bild, in dem zwei extremistische Randgruppen – eingepfercht in von nicht mehr als Verkehrshütchen abgetrennte Areale – sich an den beiden Rändern eines Fussweges über einen drei Meter breiten Durchgangsstreifen ihre politischen Ansichten an den Kopf warfen und versuchten, die jeweils andere Gruppe argumentativ unglaubwürdig zu machen.

Natürlich gab es Umherstehende und die Polizei war mehr damit beschäftigt, sich um die Zuschauer zu kümmern, als dass sie den beiden Gruppen Beachtung zollte.

Die Umherstehenden sahen das Ganze eher als Schauspiel denn als politische Auseinandersetzung.

Auch das Hissen von Reichskriegsflaggen und die plärrende Militärmusik, welche die Sonntagsruhe stört, wird nicht zum Politikum in Japan. Es wird einfach ignoriert.

Ein Wort zur Klärung: das absolute Gros der Japaner würde – wenn es eine rechtliche Möglichkeit gäbe – ein Verbot dieser Randgruppen befürworten, genauso wie sie die Polizeirazzien gegen die Yakuza (die japanische Mafia) und die schäbigen Rotlichtviertel der Hauptstadt durch den damaligen Tokyoter Bürgermeister Shintaro Ishihara in den 1990er und 2000er Jahren still und heimlich befürwortet haben.

Die Japaner wissen aber auch, dass ein Verbot der Extremisten diese nur in den Untergrund führen würde, wo sie für die japanische Justiz viel schwerer zu kontrollieren wären.

Was könnte man in Europa von Japan lernen?

Im Sinne der öffentlichen Sicherheit wird den Nationalisten, genauso wie anderen politischen Aktivisten also zu festgesetzten Zeiten an festgesetzten Orten eine Art Ventil in die Hand gegeben, wo sie sich „austoben“ können, aber darüber hinaus den Grossteil der Bevölkerung nicht weiter belästigen.

Die Japaner strafen derartige Politaktivisten mit Ignoranz. Politische Aufmärsche jeglicher Art sind in den japanischen Leitmedien nur sehr selten ein Thema.

Im Gegenzug dafür, dass sie ab und zu eine öffentliche Plattform bekommen, halten sich die Politaktivisten jedoch an jegliche Auflagen der Ordnungshüter: brennende Autos, eingeschlagene Fensterscheiben, sogar Verletzte durch aus dem Ruder gelaufene Demonstrationen wie in Europa kennt man in Japan nicht. Auch bei politischen Demsontrationen in Japan gilt: der herausstehende Nagel wird eingeschlagen, heisst: wer sich daneben benimmt, hat mit schweren Konsequenzen zu rechnen. Ein quid pro quo für alle Beteiligten also.

Können wir in Europa etwas von der Demonstrationskultur in Japan lernen?

Wenn es etwas gibt, was wir uns hier abschauen können, dann vielleicht folgende Punkte:

Das absolute Prämisse der japanischen Ordnungshüter ist die Wahrung der öffentlichen Sicherheit.

Der Inhalt des jeweiligen politischen Auftrittes ist sekundär, solange Beteiligte wie Zuschauer nicht beeinträchtigt werden. Das wissen alle Beteiligten, daher halten sie sich – Extremisten, wie Zuschauer – an die Anweisungen der Polizei und respektieren diese.

Die Extremisten wissen selber, dass sie nicht Teil der gesellschaftlichen Mitte Japans sind und dass ihnen drakonische Strafen drohen würden, wenn sie die öffentliche Sicherheit kompromittieren würden.

Extremisten sind hier wie dort Randgruppen. Anders als in Deutschland werden in Japan Randgruppen aber auch als solche behandelt: Ihre Existenz ist bekannt, aber sie werden vom Gros der Bevölkerung ignoriert.

Die tolerante Nichtbeachtung von extremistischen Politgruppen (solange sie das Gesetz achten) in Japan hält sie dort, wo sie hingehören: An den Rand der Gesellschaft – vom Gros der Gesellschaft getrennt – mit ein paar geregelten Möglichkeiten pro Jahr, „Dampf abzulassen“.

Die allgemeine Hysterie, mit der in Deutschland, aber auch anderen europäischen Ländern politische Gruppen, welche sich vom allgemeinen politischen „Mainstream“ unterscheiden, medial zerrissen werden, wäre in Japan nicht vorstellbar. Nachrichten in den sogenannten „Mainstream-Medien“ in Japan werden nach ihren Auswirkungen auf die allgemeine Bevölkerung gewichtet dargestellt. Politische Extreme werden journalistisch in Japan auf der gleichen Ebene behandelt, wie Prominenten-Skandale, sowie Klatsch und Tratsch aus dem Kaiserhaus.

Die politische Extreme hat – obwohl sie existiert und aktiv ist – in Japan keine Chance, jemals nachhaltig ins öffentliche Bewusstsein zu treten. Warum? Weil die Japaner sie zwar tolerieren, sie aber gleichzeitig mit Ignoranz strafen und ihnen dadurch gar nicht erst die Möglichkeit geben, sich zu profilieren.

Vielleicht kann sich die deutsche Öffentlichkeit ein Beispiel an der stoischen Ruhe der Japaner nehmen, wenn die nächste Sau der „Gefahr von rechts“ durchs mediale Dorf getrieben wird.