US-Regierung verhindert eine umfassende Aufklärung

Bisher wurden diese Forderungen größtenteils unterdrückt, gerichtliche Untersuchungen wurden unterbunden. 

Das Weiße Haus blockierte unentwegt, denn es liegen brisante Erkenntnisse vor, denen zufolge ein Mitarbeiter der saudischen Botschaft in Washington weitere saudische Staatsangestellte mit der Betreuung zweier Attentäter beauftragte. Riad und Washington unterstützten schon in den 1980er Jahren gemeinsam Dschihadisten in Afghanistan, unter Teilnahme der damaligen Bundesregierung in Bonn. Recherchen der US-Opferanwälte beweisen, dass auch die Botschaft Saudi-Arabiens in Bonn bzw. Berlin bis 2001 Al-Qaida-Strukturen protegierte.

So wurde ein Teil des sogenannten 9/11-Kommissionsberichts im Umfang von 28 Seiten über zehn Jahre strikt geheim gehalten, dann erst - nach anhaltend massivem Druck - am 15. Juli 2016 teilweise freigegeben. Die offizielle 9/11-Kommission, welche Ende 2002 vom US-Kongress ins Leben gerufen wurde, bestätigte in ihrem Abschlussbericht vom 22. Juli 2004:

"Al-Qaida fand fruchtbaren Boden für die Beschaffung von Geld in Saudi-Arabien, wo extreme religiöse Auffassungen verbreitet sind".

Komplizenschaft zwischen Washington und Riad zu Ungunsten der Welt

Betrachtet man dieses Verhältnis aus der ökonomischen Perspektive, so wird der Sachverhalt noch unsauberer. Der Islam- und Nahost-Experte Michael Lüders äußerte diesbezüglich:

Wenn man da ins Detail geht, dann wird einem ganz schummrig, weil diese engen Beziehungen teilweise in Grauzonen der Illegalität gehen, da spielt Waffenhandel eine Rolle, da spielen Spionageaktivitäten eine Rolle und sehr fragwürdige geschäftliche Deals, die dann immer weiter gediehen sind, dahingehend, dass führende Schattenbanken in den USA heute zu einem erheblichen Teil mitfinanziert sind oder sogar wesentlich im Mitbesitz sind saudischer Eigentümer.“ 

Dabei war die Komplizenschaft zwischen Washington und Riad, wie die „special relations“ zwischen den USA und Saudi-Arabien von Kritikern tituliert wurde, schon lange als eine der dramatischen Ursachen für die Gefährdungen der politischen Situation in der islamischen Welt und darüber hinaus identifiziert worden.

Michael Scott Doran, Nahost-Experte der Princeton University analysierte nach dem 11. September 2001:

Die Situation ist kritisch, weil die USA über geringe Mittel verfügen, der anitischiitischen und antiamerikanischen Strömung entgegenzuwirken. Der Wahhabismus ist die Grundlage eines gesamten politischen Systems. Jeder, der vom Status quo profitiert, wird sich um dieses System scharen, falls es von außen angetastet wird. Den Vereinigten Staaten bleibt keine andere Wahl, als die fälligen demokratischen Reformen im Irak und in Saudi-Arabien energisch voranzutreiben. Doch jeder Versuch, eine liberale politische Ordnung zu schaffen, wird zusätzlichen Disput auslösen. Die antiamerikanische Stimmung würde angeheizt. Bei seinem Bemühen, die Demokratie im Mittleren Osten zu fördern, wird Washington wieder einmal feststellen müssen, dass seine engsten arabischen Verbündeten gleichzeitig seine erbittertsten Feinde sind.

Solange das Erdöl und die Petrodollars sprudelten, drückte man in Washington beide Augen zu, wenn wieder einmal ruchbar wurde, dass irgendwelche saudischen Geldgeber den religiösen Fanatismus weltweit schürten - ob in der islamischen Welt oder in der Diaspora.Der ehemalige CIA-Agent Robert Baer umschrieb diese fatale Entwicklung, schon 2016 in einem Interview mit dem Verfasser dieses Beitrages wie folgt:

Wir kommen einfach nicht um die Tatsache herum, dass Saudi-Arabien die Koranschulen einrichtet und finanziert, welche diese Terroristen indoktrinieren und inspirieren."

12 der 15 Attentäter besaßen die saudische Staatsbürgerschaft

Zwar wurde einflussreichen Kreisen in Washington DC schnell klar, wer für die verheerenden Anschläge in New York City mitverantwortlich war, immerhin besaßen ja zwölf der 15 identifizierten Täter die saudische Staatsbürgerschaft, doch wurde eine öffentliche Benennung schnell verworfen, aufgrund der umfangreichen Günstlingswirtschaft, von der beide Seiten profitierten und profitieren. Diese Entwicklung fand unter Donald Trump ihren vorläufigen Höhepunkt - besser ausgedrückt Tiefpunkt - in dessen Amtszeit nicht einmal mehr der Versuch unternommen wurde, persönliche Geschäftsinteressen von globalpolitischen Fragen zu trennen. Hierzu auch mein Bericht „Donald Trump - Saudi-Arabiens Mann im Weißen Haus“.

US-Präsident Biden, der nach der Flucht seiner Truppen aus Afghanistan innenpolitisch angeschlagen ist, erlaubte der Bundespolizei FBI jetzt - nach den Gedenktagen zum 20. Jahrestag der Anschläge - das erste Dokument in Zusammenhang mit ihren Ermittlungen zu den Anschlägen am 11. September 2001 und mutmaßlichen Verwicklungen mit der saudi-arabischen Regierung freizugeben. 

In dem teilweise geschwärzten, 16-seitigen Dokument werden Kontakte zwischen den Entführern der vier Passagiermaschinen und saudi-arabischen Beamten dargestellt. Einen direkten Beweis dafür, dass die Regierung in Riad an den Anschlägen beteiligt war, bei denen fast 3.000 Menschen getötet wurden, liefert dieses Dokument aber nicht, wie SWR3 berichtet.

Kenner Saudi-Arabiens weisen aber auf die besondere Struktur des dortigen Regierungsapparates hin, in der zur Zeit des Attentats beispielsweise Prinz Nayef, der damalige Innenminister Saudi-Arabiens, insgeheim als Sympathisant von Al-Qaida galt. Jener Nayef, der militant gegen jede „liberale“ Strömungen vorging, wobei liberal eigentlich ein unpassender Begriff für ein Land ist, in dem es bestenfalls gemäßigte Konservative gibt. 

Prominente Mitglieder der saudischen Königsfamilie sollen in den neunziger Jahren das Terrornetzwerk Al-Qaida finanziell unterstützt haben, so behauptete der in den USA inhaftierte Terrorist Zacarias Moussaoui in einem Brief an einen Richter. Schon bei den Anschlägen von Khoba im Juni 1996, die 19 US-Soldaten das Leben kosteten, hatte sich der Verdacht bestätigt, dass die saudische Dynastie in diverse Verschwörungen gegen die USA verwickelt ist. 

Die "Nationale Sicherheit"? 

Was nun die auf Bidens Geheiß zur Veröffentlichung genehmigten Dokumente angeht, so handelt es sich um kaum brauchbares Material. Knut Mellenthin schreibt dazu gestern in der Jungen Welt:

"Laut Bidens Anordnung sollen nur solche Textstellen unlesbar bleiben, deren Offenlegung der »nationalen Sicherheit« schaden könnte. Davon gibt es offenbar sehr viele. Weitere Dokumente sollen spätestens nach 60, 120 und 180 Tagen »freigegeben« werden. Mit demselben stark einschränkenden Vorbehalt."

„Was bedeutet das konkret für mich!?"

Was man in diesem Zusammenhang als "Nationale Sicherheit" interpretiert, erschließt sich nur dann, wenn man eine korrupte und raffgierige Geschäftsbeziehung zwischen zwei Regierungen, in diesem Fall zwischen Washington und Riad, der eigenen Bevölkerung nicht in allen unappetitlichen Details präsentieren möchte - zumal dann nicht, wenn man selbst zu tief drinnen steckt.

Außerdem könnte dann bei einem Teil der US-Bevölkerung die Frage aufgeworfen werden, weshalb es eigentlich diesen "War on Terror" mit all seinen Opfern gab, wenn man die eigentlichen Verantwortlichen nicht zur Rechenschaft gezogen hat, sondern mit diesen bis heute noch immer profitable Geschäftsbeziehungen pflegt.

Manchen US-Bürgern dürfte dann die Worte des Schriftstellers Gore Vidal, die dieser zu Beginn des Jahres 2001 äußerte, von beklemmender Aktualität erscheinen:

"Amerika wird seit fünfzig Jahren von Großkonzernen dominiert, deren Haupteinnahmequelle die Versorgung des Pentagons ist. Das Geld, das wir für Krieg ausgeben, für all die heißen, kalten und lauwarmen Kriege, die wir anzetteln, ist ein Nicht-Thema."