Die wirtschaftliche Lage in Griechenland ist alles andere als rosig. Rein statistisch schließen in Griechenlands zweitgrößter Stadt, der Nebenhauptstadt Thessaloniki täglich zweieinhalb mittelständische Handwerksbetriebe die Pforten. Eine Besserung ist nicht in Sicht.

Die Kapitalverkehrskontrollen in Griechenland feierten am 29. Juni „Geburtstag“. Immer noch können griechische Bankkunden pro Tag nicht mehr als 60 Euro oder alternativ 420 Euro pro Woche Bargeld abheben. Als Erleichterung wird nun von der Regierung propagiert, dass mit einer neuen Regelung alle zwei Wochen maximal 840 Euro abgehoben werden dürfen.

Ein Ende dieser Beschränkungen ist noch nicht abzusehen, wenngleich einer ihrer damals angeblich führendsten Befürworter zu Zeiten des griechischen Referendums, der Zentralbankchef Yannis Stournaras, nun vehement ein rasches Ende des Ausnahmezustands fordert. Mit dieser Gelegenheit betonte der ehemalige Finanzminister der Regierung Samaras, dass er entgegen der landläufigen Meinung zu keinem Zeitpunkt, den Kapitalverkehrskontrollen gegenüber positiv eingestellt war. Stournaras berechnete auch, dass die Verzögerungen bei den Verhandlungen Griechenlands mit seinen Gläubigern und Kreditgebern das Land mindestens 86 Milliarden Euro kosteten. Künftig möchte das Finanzministerium mit speziell ausgebildeten Suchhunden an Grenzübergängen, Flug- und Seehäfen die Koffer der Reisenden nach Bargeld durchsuchen.

Tatsächlich brachten die Kapitalverkehrskontrollen dem Land kaum Vorteile. Die Wettbewerbsfähigkeit sank, die Sparer vermeiden es, Beträge auf Konten einzuzahlen und die Betriebe können auch bei guten Erfolgschancen keine Kredite aufnehmen. Zudem steigt die Zahl der faulen Kredite immer weiter an. 71.000 Bauern sind von Pfändungen bedroht, weil sie ihre Krankenversicherungsbeiträge nicht mehr zahlen können. Beunruhigend ist auch, dass das Außenhandelsdefizit Griechenland wieder steigt. Statt wie im April 2015 bei 0,14 Milliarden Euro lag es im April 2016 bei 0,82 Milliarden Euro. Die Flüchtlingskrise schlug sich auf der am meisten betroffenen Insel Lesbos mit bis zu 90 Prozent Buchungsrückgängen bei Hotels nieder.

Zudem häufen sich die Pleiten von früher marktführenden Unternehmen. Von zahlreichen Beobachtern und Kommentatoren griechischer Medien wird dies mit den Kapitalverkehrskontrollen in Verbindung gebracht.

Der Selbstmord des Ölmagnaten

Der kretische Raffinerie-, Tankstellen und Hotelbesitzer Kyriakos Mamidakis hat vor drei Wochen mit einem Schuss in seinen Kopf seinem Leben ein Ende gesetzt. Es war seine eigene Waffe. Der Vierundachtzigjährige konnte den Ruin seines Lebenswerks nicht ertragen. Mamidakis hatte zusammen mit seinem Bruder die Mamidakis – Jet Oil zu einer der größten griechischen Raffinerien ausgebaut. Zuletzt hatten sie mehr als zehn Prozent Marktanteil.

Allerdings leidet auch die Energiebranche in Griechenland unter der Krise. Schuld sind die immer wieder erhöhten Kraftstoffsteuern. Eines der Hauptgeschäfte der Raffinerien, der Heizölhandel, kam fast vollständig zum Erliegen, als vor wenigen Jahren die Besteuerung des Heizöls dem des Diesels angeglichen wurde. Vornehmlich diente dies der Bekämpfung von Schmuggel. Tatsächlich führte es dazu, dass die Wohnungen der Griechen kalt blieben und der Staat weniger Steuern als vorher einnahm.

An dem immer noch möglichen Kraftstoffschmuggel änderte sich kaum etwas. Dieser betrifft nämlich weniger die Verteilung von Heizöl als vielmehr das immer noch steuerfreie Schiffsdiesel, welches unter der Hand Abnehmer findet. Unter den knapp 660 Vertragstankstellen von Mamidakis fanden sich mit Sicherheit auch schwarze Schafe als die Prüfer bei einem Drittel der griechischen Tankstellen Betrug diagnostizierten.

Insbesondere wurde festgestellt, dass

·         25 Prozent des Schiffsdiesels in PKWs landet.

·         25 Prozent des angeblich exportierten Diesels nur virtuell exportiert wird und dann „steuerfrei“ in griechischen Tanks landet.

·         15 Prozent des Heizöls in Autos verbrannt wird.

·         2,5 Prozent der steuerfreien chemischen Additive für die Streckung des Benzins eingesetzt werden.

·         30 Prozent der stichprobenartig untersuchten Tankstellen an der Säule die Abgabemenge manipuliert hatten.

Es sind hochgerechnet auf alle Tankstellen Milliardenbeträge, welche der griechischen Privatwirtschaft und dem Fiskus durch derartigen Betrug entzogen werden. Die Gesamtverschuldung der Mamidakis Gruppe erscheint dagegen relativ überschaubar. Der National Bank of Greece werden 50,5 Millionen Euro geschuldet, der Attika Bank 12,66 Millionen, der Piräus Bank 36,4 Millionen, der Alpha Bank 65,28 Millionen Euro und der Eurobank 41,55 Millionen Euro. Darüber hinaus bestehen Leasing-Verpflichtungen von 12,8 Millionen Euro und Schulden bei Lieferanten von 77,8 Millionen, sowie Wechsel über 9,21 Millionen Euro und Schecks in Höhe von 13,15 Millionen Euro.

Von einem ganz anderen Kaliber ist da die Pleite der Supermarkthandelskette Marinopoulos. Auch sie beantragte vor einem Monat Gläubigerschutz nach dem griechischen Artikel 99, was einem deutschen Konkursantrag entspricht. Das Unternehmen hat knapp 13.000 Angestellte, welche nun von der Arbeitslosigkeit bedroht sind. Viele haben ausstehende Lohnforderungen, müssen sich aber mit diesen hinten anstellen. Auf Geheiß der Troika wurden die auf Löhne und Gehälter wartenden Arbeitnehmer hinter die Rechte des Staats und der Banken gestellt.

Ebenfalls von der Pleite bedroht sind jedoch auch die Zulieferer einer der größten Handelsketten Griechenlands. Konstantinos Michalos von der griechischen Industrie- und Handelskammer spricht von Auswirkungen, welche die Marinopoulos Pleite wie ein griechisches Lehman-Brothers-Desaster erscheinen lassen. Das erscheint keinesfalls untertrieben. Denn gemäß des Antrags, denn Marinopoulos für die Muttergesellschaft und die Tochterfirmen bei Gericht gestellt hat, bestehen offene Schulden von insgesamt 1,81 Milliarden Euro. Bei einem für 2016 erwartetem, weiterhin rezessivem Bruttoinlandsprodukt von 194,59 Milliarden Euro entspricht dies knapp einem Prozent der nationalen Wirtschaftsleistung.

3000 Zulieferer, die meisten aus Griechenland, hängen an Marinopoulos. Sie wurden von der Kette jahrelang unter Druck gesetzt, dieser zinslose Kredite zu gewähren. Vor allem bei Frischwaren hatte die Supermarktkette kleinere und mittelständische Unternehmen mit Exklusivverträgen ans Geschick des Handelsunternehmens regelrecht gekettet.

Die Zahlungsfristen für die Begleichung von Rechnungen überschritten seit 2012 regelmäßig die Grenze von 200 Tagen. Marinopoulos, der bis 2011 an die französische Handelskette Carrefour gebunden war, hatte den Abzug der französischen Investoren als Sieg präsentiert. Mit der „rein griechischen Firma“ sollte der einheimische Markt erobert werden. Noch 2014 war Marinopoulos mit knapp 23,3 Millionen Euro Werbeausgaben der größte Anzeigenkunde der griechischen Presse.

Dazu wählte das Management eine aggressive Handelspolitik, mit welcher die Konkurrenz regelmäßig in Rabatten unterboten wurde. So wurde frische Milch von einheimischen Markenherstellern für unter einem Euro pro Liter angeboten, was in keinem Geschäft der Konkurrenz möglich ist. Kleinere Ketten oder Einzelhändler kaufen die gleiche Milch von den Molkereien zu einem höheren Einkaufspreis, als er bei Marinopoulos für Endkunden galt.

Zusätzlich dazu kaufte das Unternehmen gezielt Mitbewerber auf, um so die Vormachtstellung weiter auszubauen. Das ging so lange gut, so lange die Banken mit immer neuen Krediten die Liquidität aufrechterhielten. Die Kapitalverkehrskontrollen schoben neuen Krediten einen Riegel vor und brachten so das Kartenhaus zum Einstürzen.

Während die Entwicklung um die Pleite von Marinopoulos noch in den Anfängen steckt, sind weitere große Unternehmen vom Ruin bedroht. Der Privatsender Mega TV, einst die größte Rundfunkanstalt des Landes, steht vor der Schließung. Es ist, wie viele andere Medienunternehmen auch, hoffnungslos überschuldet. Auch hier ist die Unternehmensführung zumindest ebenso am Drama beteiligt, wie die allgemeine Wirtschaftslage. Jedoch wurde dem Unternehmen nun in einem internationalen Bieterverfahren die Fernsehlizenz entzogen. Ohne Betriebsmöglichkeit besteht kein Hoffnung auf Rückzahlung der dreistelligen Millionenkredite.

Bei dem Telekommunikationsunternehmen Forthnet, welches neben Telefonie und Internet auch den Kabel- und Satelliten-Pay-TV Sender Nova im Angebot hat, sind es dagegen die Kredite, welche der ebenso wie Marinopoulos einst aggressiv expandierenden Firma zum Verhängnis drohen können. Eine parlamentarische Prüfung ergab, dass der Schuldenberg von Forthnet den Gesamtwert der Firma um 52 Millionen Euro überschreitet. 200 Millionen Euro der insgesamt 326,2 Millionen Euro Kredite waren zum 31.12.2015 „faul“ und wurden nicht der Schuld entsprechend bedient. Die Firma versucht mit einer Umschuldung den Bankrott abzuwenden.

Ebenfalls bereits im Konkursverfahren nach Artikel 99 befindet sich die Agrargenossenschaft Pezon auf Kreta. Es ist eine der traditionsreichsten Genossenschaften, welche vergleichsweise geringe Schulden von 23 Millionen Euro in die Pleite trieben.

Unter genau diesem Prisma sind die jüngst von der griechischen Regierung veröffentlichten Listen von Steuerschuldnern zu betrachten. Die online abrufbaren Listen der Privatschuldner (http://media.enikonomia.gr/data/files/108383_dd8807f2e8-9ecf32ae8aaf4ab2.pdf) und Firmen (http://media.enikonomia.gr/data/files/108383_7a1dd8a818-8e1d8c29bd7d7552.pdf) beinhalten überwiegend Pleite gegangene und bereits betriebswirtschaftlich erloschene Firmen. Darunter befinden sich sogar zahlreiche privatisierte Staatsbetriebe, deren Schulden auf eine beim Staat belassene Firma übertragen wurden.