Herr Sons, in Ihrem neuen Buch "Auf Sand gebaut" analysieren Sie die Beziehungen des Westens zu seinem Verbündeten Saudi-Arabien. Weshalb sind diese Beziehungen Ihrer Meinung nach problematisch?

Saudi-Arabien ist spätestens seit dem sogenannten „Arabischen Frühling“ zur wichtigsten arabischen Macht im Nahen und Mittleren Osten aufgestiegen und wird von der Bundesregierung als „Stabilitätsanker“ und Partner im Kampf gegen den Terrorismus bezeichnet. Gleichzeitig führt das saudische Königshaus einen desaströsen Krieg im Jemen, bombardiert dort die Zivilbevölkerung und missachtet im eigenen Land die Menschenrechte.
Unter dem neuen König ist die Zahl der Exekutionen deutlich angestiegen. Saudi-Arabien ist also ein sehr problematischer Partner, auf den man jedoch – wenngleich zähneknirschend – nicht verzichten kann.

In Ihrem Buch beschreiben Sie, dass unsere engen Beziehungen zu Saudi-Arabien, flankiert von der Aufrüstung dieses labilen Staates und der weltweiten Verbreitung des saudisch-wahhabitischen Islams, dessen Radikalform der Salafismus ist, die sich unter dem Denkmantel dieser Partnerschaft vollzieht, als eines der Hauptprobleme unserer Außenpolitik. Welche Verbindungen gibt es zwischen Saudi-Arabien und ISIS, und wäre der Aufstieg des Islamischen Staates - ohne die Politik der Saudis - so möglich gewesen?

Das saudische Königshaus streitet jegliche Verbindung zu ISIS ab. Dies erscheint mir plausibel, denn sicherheitspolitisch stellt ISIS durchaus eine Gefahr für die saudische Führung dar. Immer wieder kommt es zu Terroranschlägen im eigenen Land, die ISIS zugeschrieben werden. Das gefährdet die innere Stabilität und damit die Legitimation des Königshauses. Nichtsdestotrotz ist nicht ausgeschlossen, dass wohlhabende Privatleute und religiöse Stiftungen weiterhin Dschihadisten in der arabischen Welt, aber auch in Afrika oder Südasien finanzieren und unterstützen.

Ursula von der Leyen scheint sich dieser Problematik nicht bewusst zu sein. Als die Bundesverteidigungsministerin vor Kurzem nach Riad reiste, war von Ihr keine deutliche Kritik an der Menschenrechtsituation zu vernehmen, oder gar am saudischen Bombenterror gegenüber dem Jemen, obwohl sie regelmäßig russische Bombardements in Syrien kritisiert. Stattdessen wurde Rüstungsgeschäfte eingefädelt. Handelt es sich hier um Doppelmoral, um Strategie oder schlicht um Dummheit?

Meines Wissens haben deutsche Politiker durchaus auf die Menschenrechtsverletzungen bei ihren Besuchen hingewiesen, wobei das Vorgehen der Saudis im Jemen in der Tat kaum diskutiert wird. Ich bin der Meinung, dass die deutsche Bundesregierung viel deutlicher machen müsste, welche Beziehungen man zu Saudi-Arabien unterhalten möchte. Man kann spätestens seit Beginn der Militärintervention im Jemen im März 2015 nicht mehr behaupten, Saudi-Arabien stabilisiere die Region. Ganz im Gegenteil. Hier muss ein Umdenken stattfinden, das zum einen der Öffentlichkeit klar kommuniziert, zum anderen mit einer kohärenten Strategie untermauert wird.

Ausgerechnet als sich Frau von der Leyen in Riad aufhielt, berichtete die New York Times, dass Saudi-Arabien den Taliban in Afghanistan großzügige Unterstützung gewährt. In den USA sprechen Kritiker gelegentlich vom Weißen Zelt, wenn sie das Weiße Haus meinen, in Anspielung auf eine angeblich starke saudische Lobby in den USA. Wie sehen Sie das, gibt es diese Lobby?

Die USA sind seit Jahrzehnten wichtigster westlicher Verbündeter Saudi-Arabiens. Auch wenn das Verhältnis in den letzten Jahren deutlich gelitten hat, verfügen saudische Vertreter in Washington über enormen Einfluss – und versuchen diesen, vor allem gegen Iran zu nutzen.

Der Schriftsteller Salaman Rushdie sagte einmal in einem Interview "Mithilfe des enormen Wohlstands, den unsere Petro-Dollars brachten, haben die Saudi ihre sehr fundamentalistische Version des Islam verbreitet, die zuvor innerhalb der islamischen Welt nur den Status einer Art Sekte besass. Dadurch – durch die Verbreitung der saudischen Form – hat sich die ganze Natur des Islam zum Nachteil verändert."Können Sie Salman Rushdie hier zustimmen?

Der Wahhabismus ist eine erzkonservative Strömung des sunnitischen Islams und gilt in Saudi-Arabien als „Staatsreligion“. Ein Bestandteil dieser Glaubensrichtung ist die Ablehnung von Andersgläubigen. Dazu werden auch die Schiiten gezählt. Die Legitimität des saudischen Königshauses basiert auf der engen Allianz mit den Wahhabiten seit Mitte des 18. Jahrhunderts. Sie brauchen also die Wahhabiten, um sich als respektierte Führer der sunnitischen Welt zu präsentieren. Dafür haben sie in den vergangenen Jahrzehnten Milliardensummen in den Aufbau von wahhabitischen Moscheen, Bildungseinrichtungen und Stiftungen auf der ganzen Welt gesteckt und damit durchaus zur Radikalisierung vieler sunnitischer Muslime beigetragen. Dieses Vorgehen hat auch ISIS oder al-Qaida inspiriert und wird von den meisten Muslimen abgelehnt.

Der Salafismus ist eine vom saudischen Wahhabismus geprägte Ideologie, die sich weltweit verbreitet. Saudi-Arabien ist ein Staat, mit dem der Westen, unter Führung der USA, eng kooperiert. Der ehemalige CIA-Agent Robert Baer bezeichnet die Beziehung zwischen Washington und Riad als «Sleeping with the Devil». Teilen Sie diese Einschätzung?

Saudi-Arabien war während des Kalten Kriegs ein enger Verbündeter der USA gegen die Sowjetunion, diente als Bollwerk gegen die „Islamische Revolution“ in Iran und lieferte kostengünstiges Öl. Doch mittlerweile ist Saudi-Arabien vom Partner zum Problem geworden. Das hat Barack Obama begriffen und sich eher Iran zugewandt. Dies wird von den Saudis als Verrat wahrgenommen, sodass sie sich nun unabhängiger von den USA machen wollen. Das Ergebnis ist u.a. der verheerende Krieg im Jemen.

Der erwähnte Robert Baer plädiert in seinen Büchern dafür, dass die USA Saudi-Arabien als Verbündeten fallen lassen, sich stattdessen dem Iran zu wenden sollten. Halten Sie dieses für eine realistische Option?

Nein, ein Entweder-Oder wird die Krisen in der Region nicht lösen. Es kann nur darum gehen, beide Rivalen – Iran und Saudi-Arabien – irgendwann dazu zu bringen, sich zusammenzusetzen, um politische Lösungen im Jemen, in Syrien oder dem Irak zu finden. Ohne eine iranisch-saudische Einigung wird dies nicht gelingen. Sollten sich die USA ausschließlich für eine Seite entscheiden, würde dies eine solche Einigung noch unwahrscheinlicher werden lassen, als sie derzeit eh schon ist.

Welche Rolle sollte der Westen einnehmen, bezüglich des Konfliktes zwischen Teheran und Riad?

Was für die USA gilt, gilt allgemein für den Westen: Wir müssen mit beiden Ländern im Gespräch bleiben – ob wir wollen oder nicht. Es gibt hier nicht die Wahl des geringeren Übels, sondern nur den Dialog mit zwei gleichermaßen sehr schwierigen Regimen. Ob wir wollen oder nicht – ohne Saudi-Arabien wird sich kein Konflikt in der Region lösen lassen. Und das gilt genauso für Iran.

Deutschland braucht eine andere Politik gegenüber Saudi-Arabien, fordern Sie in Ihrem Buch. Wie könnte diese Politik aussehen?

Zuerst einmal sollten meiner Meinung nach alle Rüstungsexporte eingestellt werden. Stattdessen sollte die Kooperation im Bildungsbereich oder bei den Erneuerbaren Energien stärker ausgebaut werden. Gleichzeitig sollten deutsche Kulturinstitutionen vermehrt den Kontakt zu saudischen Frauen oder auch schiitischen Aktivisten suchen, Studierendenaustausche oder Journalisten-Workshops organisieren – auch wenn das sehr mühsam und schwierig ist. Wichtig ist darüber hinaus aber generell, dass die deutsche Bundesregierung eine Strategie entwickelt, die definiert, in welchen Bereichen wir Saudi-Arabien brauchen, wo es unüberbrückbare Differenzen gibt und beantwortet, ob und wofür uns die Saudis überhaupt brauchen. Eine solche Strategie fehlt bislang.