In den Vereinigten Staaten zeichnet sich auf kommunaler Ebene ein weiterer Brennpunkt ab, über den ich im vergangenen Jahr schon einmal berichtet hatte. Dies nicht so sehr aufgrund des idyllischen Charakters, mit dem der Ostküstenbundesstaat Connecticut ganz sicher aufzuwarten weiß.

Vielmehr hatte sich an Connecticuts so genannter Goldküste in Greenwich in den letzten Jahren eine Hedgefonds-Enklave herausgebildet, deren Geschäfte insbesondere im Angesicht von überaus laxen Regulierungsgesetzen und zahlreichen Steuererleichterungen prosperierten.

Steuererleichterungen für Hedgefonds und Versicherungen mutieren zum Eigentor

Nur rund 100 Meilen entfernt befindet sich die bundesstaatliche Hauptstadt Hartford, der es hingegen überhaupt nicht gut getan zu haben scheint, dass man der Hedgefondsindustrie in den eigenen Gefilden sozusagen freie Hand gelassen hatte.  

Hartford erweist sich darüber hinaus auch als historisches Zentrum der amerikanischen Versicherungsindustrie, weshalb es auch kaum wundersam ist, dass Connecticut auf dem Papier zu den wohlhabendsten Bundesstaaten der USA zählt – wenn es sich nicht gar um den reichsten Staat im Staate handelt.

Umso verstörender ist die Tatsache, dass sich die Stadt Hartford in einem immer schnelleren Tempo auf eine Insolvenz zubewegt. Beobachter rechnen damit, dass der finanziell ebenfalls angeschlagene Bundesstaat schon bald „zur Rettung“ wird eilen müssen.

Nun, wer die Versicherungs- und spekulativ orientierte Finanzindustrie in seinen Gefilden ansiedelt und auf Basis des Versprechens beheimatet, Steuerzahlungen möglichst auf den minimalsten Nenner reduzieren zu dürfen, der braucht sich am Ende nicht wundern, wenn er im Angesicht von tendenziell stetig steigenden Ausgaben einem Bankrott ins Auge blickt.

Insolvenz droht trotz höchstem Pro-Kopf-Einkommen

Der in den USA als „Muskatstaat“ bekannte Bundesstaat beheimatet unter anderem auch Hedgefondskoryphäen wie Bridgewater-Gründer Ray Dalio sowie eine große Anzahl an renommierten Wall-Street-Bankern.

Im vergangenen Jahr belief sich das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen in Connecticut auf knapp $72.000, was dem höchsten Einkommensniveau im ganzen Land entspricht. Umso sonderbarer mag es anmuten, dass sowohl die bundesstaatliche Lokalregierung als auch der Magistrat der Stadt Hartford solch immensen Finanzproblemen ins Auge blicken.

Stellenabbau verringert Standortqualität weiter

Doch nicht nur das. Wie in zahlreichen anderen Kommunen und Bundesstaaten des Landes, erweisen sich die Pensionszusagen zugunsten von ehemals im Staatsdienst Beschäftigten nun bereits seit mehreren Dekaden als deutlich unterfinanziert. Um diese Lücke zu schließen, hatte der Bundesstaat in den letzten Jahren teils deutlich an der Steuerschraube gedreht.

Resultat war, dass die in Connecticut ansässige Finanzindustrie verstärkt auf einen Abbau von Arbeitsplätzen setzte.  Gleichzeitig hielt die Schließungswelle im Hedgefondssektor aufgrund einer durchschnittlich miesen Performance auch im Laufe des vergangenen Jahres nahtlos an.

Auf globaler Ebene kam es im Jahr 2016 zum Ausscheiden von knapp 1.100 Hedgefonds aus dem Wettbewerb, wie neueste Daten aus der Branche zeigen. In Hartford scheint mittlerweile der Punkt erreicht zu sein, an dem jede weitere Steueranhebung bei gleichzeitigem Abbau von Sozialleistungen die einstige Attraktivität des Standorts signifikant verschlechtert.

Ständige Neuverschuldungen könnten ein ungewolltes Ende finden

Auf diese Weise werden die Dinge ganz offensichtlich auch seitens Bürgermeister Luke Bronin gesehen, der im Mai erklärt hatte, dass die Stadt Hartford finanziell mit dem Rücken zur Wand stünde. Nun, damit reiht sich Hartford lediglich in eine sehr lange Kohorte von Städten und Kommunen in den USA ein, denen es ebenso ergeht.

Noch immer scheint den gewählten Politikvertretern nichts anders einzufallen, als beständig mehr auszugeben als mittels Steuer- und Gebühreneinnahmen in die klammen Staatskassen hinein gespült wird. Die sich auftuenden Finanzierungslücken werden in einem schier nicht enden wollenden Ausmaß durch eine Neuschuldenaufnahme an den Kommunalbondmärkten übertüncht.

Der Zahlungsausfall von Puerto Rico hallt noch nach

Werden oder wurden? Nun, sich mehrende Anzeichen sprechen dafür, dass sich das Vertrauen unter Bondinvestoren an den Munibondmärkten der USA spätestens seit dem Zahlungsausfall des Inselterritoriums Puerto Rico massiv am Verschlechtern ist. Vorsicht heißt wohl langsam aber sicher die Mutter der Porzellankiste.

Denn viele Kommunalbondinvestoren, die im Falle Puerto Ricos auf eine Bailout-Zusage seitens der Washingtoner Bundesregierung gesetzt hatten, sahen sich vor den Kopf gestoßen, nachdem eine solche Zusage entgegen der allgemeinen Erwartungshaltung ausblieb. Allen voran Hedgefonds lecken sich nun ihre Wunden, da sie in diesem Episodenstück teils massive Verluste davon getragen haben.

Insolvenz von Hartford durch Beratungsfirma noch abzuwenden?

Hartford, sowohl Heimatstadt von Mark Twain als auch des großen Bankiers John Pierpont Morgan, kämpft wie viele andere Metropolen im Land seit Jahren mit Budgetproblemen. Der Magistrat von Hartford hat unter Federführung von Bürgermeister Bronin inzwischen die Beratungsfirma Greenberg Traurig engagiert, um verbleibende Optionen zu evaluieren.

Zu diesen Optionen zählt übrigens auch die potenzielle Einreichung eines Insolvenzantrags.  Auf bundesstaatlicher Ebene sieht es nicht viel besser aus. Connecticut blickt in den nächsten beiden Fiskaljahren einem Budgetdefizit in Höhe von mehr als $5 Milliarden entgegen. Noch immer suchen die Gesetzgeber des Bundesstaats nach Lösungen, um dieser Budgetkrise langfristig zu entkommen. Doch bislang ohne Erfolg.

Keine Jobs - 30% (!) der Bevölkerung gilt als arm

Ähnlich der Situation in Detroit, leidet Hartford nun bereits seit vielen Jahren unter einem massiven Bevölkerungsschwund. Zwischen den Jahren 1961 und 2000 durchlebte die Stadt einen Bevölkerungsschwund in Höhe von 23%. Seit dem Jahr 2001 stagniert die Anzahl der dort Beheimateten.

Trotz des bislang prosperierenden Finanzwesens im Bundesstaat Connecticut hat die Anzahl der Armen in dessen Hauptstadt Hartford mittlerweile die Marke von 30% überschritten, was landesweit einem der höchsten Durchschnitte entspricht. Auch hieran zeigt sich recht gut, wie weit die Schere zwischen Arm und Reich in den USA mittlerweile auseinandergedriftet ist.

Laut neu veröffentlichter Daten der in Washington D.C. ansässigen Economic Innovation Group litt Hartford zwischen den Jahren 2010 und 2014 zudem unter dem fünfthöchsten Arbeitgeberschwund unter allen Metropolen und urbanen Zentren im ganzen Land.

Moody´s droht trotz bereits bestehendem Junkstatus mit nächster Herabstufung

Trotz der Tatsache, dass Hartford landesweit über die höchsten Immobiliensteuern verfügt, blickt die Stadt im laufenden Fiskaljahr einem Defizit von $50 Millionen entgegen. Dieser Wert erreicht immerhin schon mehr als 10% des jährlichen Gesamtbudgets. Kein Wunder, dass die Ratingagentur Moody´s bereits mit weiteren Bonitätsherabstufungen gedroht hat.

Dabei verfügt Hartford bei Moody´s schon nur noch über ein Junkrating, was auch Grund sein mag, warum der Zins auf die im Jahr 2024 auslaufenden Kommunalbonds der Stadt seit Start dieses Jahres von 4,5% auf mittlerweile mehr als 6% geklettert sind.

GE und alteingesessener Versicherungsriese Aetna verabschieden sich

Insgesamt beläuft sich offizielle Verschuldung der Stadt Hartford auf $675 Millionen, davon knapp $230 Millionen in Form von unbesicherten Anleihen ausstehend. Nachdem General Electric den Bundesstaat jüngst in Richtung Massachusetts verlassen hatte, kündigte auch der Versicherungsriese Aetna in der letzten Woche an, seine Geschäftsaktivitäten von Hartford nach New York verlagern zu wollen.

Und dies will in der Tat etwas heißen, denn immerhin war Aetna seit dem Jahr 1853 mit der Zentrale in Hartford ansässig. In diesem Zuge werden am Standort Hartford 250 Arbeitsplätze abgebaut. Ein weiterer schwerer Schlag, den die Stadt Hartford innerhalb kürzester Zeit weg stecken muss.

Detroit lässt grüßen…

Die allerletzten Hoffnungen vor der potenziellen Einreichung eines Insolvenzantrags ruhen beziehungsweise lasten nun auf der durch den Stadtmagistrat angeheuerten Beratungsfirma Greenberg Traurig. Zumindest solche Unternehmen scheinen sich im desaströsen Umfeld der staatlichen Finanzen in den USA noch eine goldene Nase zu verdienen.  

Die Einreichung eines Insolvenzantrags solle nur als letzter aller Auswege in Betracht gezogen werden, wie es unterdessen aus dem Stadtmagistrat tönt. Nun, an ähnliche Floskeln sind wir ja spätestens seit der Superinsolvenz der einstigen Metropole Detroit im Jahr 2013 mittlerweile mehr als gewöhnt.

Tatsache ist, dass auch auf bundesstaatlicher Ebene das am 1. Juli begonnene neue Fiskaljahr abermals ohne Verabschiedung eines tragfähigen Budgets durch die Gesetzgeber begonnen hat.

Auf städtischer Ebene – und somit im Hinblick auf Hartford – dürfte das seit einigen Jahren durch den Stadtmagistrat betriebene Spielchen von Schuldenrückzahlungsaufschüben nun unweigerlich seinem Ende ins Auge blicken – mit allen Konsequenzen, die das haben wird.