Ich möchte heute an meine Berichtsreihe zum Thema internationale Außen- und Geopolitik anschließen, um den aktuellen Zustand der liberalen Weltordnung ein wenig genauer unter die Lupe zu nehmen.

Es ist unverkennbar, dass sich grundlegende Entwicklungen spätestens seit der Jahrtausendwende verstärkt vom Westen in Richtung des Ostens, namentlich insbesondere nach China und Indien, die über die vergangenen beiden Jahrzehnte ungesehene Wachstumsraten verzeichnet haben, verlagerten.

Dies gilt nicht nur aus wirtschaftlichem Blickwinkel, sondern auch aus militärischer Perspektive, wenn man die Russische Föderation, jenen Kernbereich der einstigen Sowjetunion, der sich mittlerweile vom Zusammenbruch des Vorgängersystems erholt zu haben scheint, mit einbezieht.

Immerhin hat Russland es geschafft, seine ehemalige Statur einer ernstzunehmenden Globalmacht wieder zurückzugewinnen, auch wenn eine solche Entwicklung in den Stäben der zahlreichen Strategen der amerikanischen Geopolitik nicht vorgesehen war.

Die sich vertiefende wirtschaftliche und militärische Allianz zwischen Russland und dem Reich der Mitte hat überdies nicht nur den Trend hin zu einer multipolaren Weltordnung beschleunigt, sondern darüber hinaus auch zu einer neuen Blockbildung in West und Ost geführt.

All diese Entwicklungen, gepaart mit einer massiven Überdehnung der imperialen US-Ambitionen, haben mit dazu beigetragen, die Fähigkeit der Vereinigten Staaten zur Beeinflussung von wichtigen Weltentwicklungen zu schwächen, geschweige denn die eigens gesetzten strategischen Zielsetzungen der US-Geostrategen umzusetzen und zu erreichen.

Da sich die Auflösung der liberalen Weltordnung am Horizont abzeichnet, und ein Übergang zu einer multipolaren Weltordnung längst im Gange ist, wird in der aktuellen Situation nichts so sehr benötigt wie eine neue globale Sicherheitsarchitektur, die zum einen verhindern würde, das mit schwindendem Einfluss Amerikas ein Machtvakuum in der Welt entstehen würde und zum anderen regionale Konflikte nicht vollkommen außer Kontrolle zu geraten drohen.

Wie in Die ignorierten Warnungen des Zbigniew Brzezinski bereits ausgeführt, wurden all diese Entwicklungen durch die einstige Ikone der amerikanischen Geopolitik Zbigniew Brzezinski frühzeitig vorausgesehen. “Zbig” wurde aus diesem Grunde nicht müde, die politische Führung seines Landes zu einer erhöhten Bereitschaft der Kooperation und Zusammenarbeit mit dem Rest der Welt aufzufordern.

Auch wenn es das einst erklärte Ziel der USA gewesen ist, das Emporkommen und Wiedererstarken von rivalisierenden Großmächten wie Russland oder China mit allen Mitteln zu verhindern, so war dem Vordenker der amerikanischen Außen- und Geopolitik bewusst, dass ein “Containment” Russlands und Chinas verpasst wurde.

Im Gegensatz zu Zbigniew Brzezinski scheinen die westlichen Eliten unfähig zu sein zu akzeptieren, dass sich diese neuen Dynamiken mit forcierter Geschwindigkeit in der Welt ausbreiten. Aus Sicht des amerikanischen Politestablishments scheint eine solche Erkenntnis am schwersten zu akzeptieren zu sein, hatte Trumps Amtsvorgänger Barack Obama in Bezug auf Amerika doch einst noch über die “außergewöhnlichste und unverzichtbarste” Nation auf Erden schwadroniert.

Wer sich selbst und anderen mit derart viel Borniertheit und Überlegenheitswahn begegnet, wird aufgrund einer unzureichenden Selbstreflexion auch nicht dazu in der Lage sein, die neuen Gegebenheiten und Realitäten in der Welt wahrzunehmen, geschweige denn anzuerkennen.

Die Zeiten, in denen die USA anderen Staaten ihre außenpolitische Doktrin zu diktieren wussten, sind vorüber. Im Fall der diesjährigen Münchener Sicherheitskonferenz trat diese Beobachtung offen zutage.

Niemand anderes als deren Vorsitzender Wolfgang Ischinger unterstrich in einer Rede die Dringlich- und Notwendigkeit in Bezug auf eine größere Diskussionsbereitschaft dieser Themen. In seiner Rede im Rahmen der diesjährigen Sicherheitskonferenz in München teilte Ischinger in einem Exzerpt wie folgt mit:

Die gesamte liberale Weltordnung erweckt den Eindruck auseinanderzufallen. Es ist nichts mehr, wie es einst einmal war. Nicht nur, dass Gewalt und Kriege eine weitaus größere Rolle in der Welt spielen, zeichnet sich zudem auch eine neue Konfrontation zwischen den großen Mächten dieser Erde am Horizont ab. Im Gegensatz zum Beginn der 1990iger Jahre, erweisen sich liberale Demokratien und Grundprinzipien des offenen Marktes nicht länger als unantastbar.

In diesem internationalen Umfeld hat sich die Gefahr für den Ausbruch eines Krieges zwischen den Großmächten oder einer Groß- und mittelgroßen Regionalmacht deutlich verschärft. Was wir an vielen Orten rund um den Globus beobachten, ist ein dramatischer Anstieg des Hazardeur-Wesens. Hierbei handelt es sich um sehr risikoreiche Aktionen am Abgrund einer Klippe – dem Klippenabgrund des Krieges.

Es spielt keine Rolle, auf welche Weltregionen wir unsere Blicke richten. Es gibt global gesehen unzählige Konflikte und Krisenherde. Die Kernelemente der internationalen Weltordnung fallen auseinander, ohne dass sich abzeichnen würde, ob irgendjemand sich dazu in der Lage sehen wird, deren Einzelteile aufzusammeln. Es lässt sich aus heutiger Sicht noch nicht einmal erkennen, ob hierzu irgendjemand auch nur bereit ist.

(Wolfgang Ischinger, Münchener Sicherheitskonferenz 2019, aus der Rede Wer wird die zerfallenen Einzelteile aufsammeln?)

Wolfgang Ischinger steht im Hinblick auf seine Warnungen alles andere als alleine auf weiter Flur da. Spürbar wird in diesen Tagen zudem auch, dass Ischingers Warnungen und Sichtweisen sich keineswegs mehr nur auf Teile der Eliten, Akademiker und Intellektuellen beschränken.

Vielmehr wird in letzter Zeit mehr als deutlich, dass sich auch eine zunehmende Anzahl von Ottonormalbürgern in ihrer Haut nicht mehr so richtig wohlzufühlen scheint, der Vorahnung anheimfallend, dass es ungemütlich in der Welt zu werden droht.

Aus dem Blickwinkel der heutigen Entwicklungen erweist sich die einst durch Francis Fukuyama aufgestellte These vom Ende der Geschichte als Absurdum, dem gerade der Boden unter den Füßen weggezogen wird.