Ich wette, die wenigsten von Ihnen – und auch der Journalisten – hatten zuvor jemals von Rohingya gehört. Die allermeisten werden wohl erst mal geschaut haben, wo genau eigentlich Myanmar liegt. Und warum zum Teufel interessieren wir uns plötzlich für Menschenrechte in Myanmar!? Das hat uns während jahrzehntelanger Militärdiktatur ebensowenig interessiert wie die Menschrechtslage in Saudi Arabien. Warum also jetzt plötzlich Myanmar!?

Die Antwort finden Sie sicherlich nicht in den Artikeln des Mainstreams, dabei ist sie höchst interessant.

Geographie und Regierung

Doch beginnen wir mit den wichtigsten Fakten: Myanmar hieß früher Burma, liegt am Golf von Bengalen (Indischer Ozean) und seine Nachbarn sind Thailand im Süden, Bangladesch im Westen, Indien im Nordwesten und China im Osten. Hier fängt es an interessant zu werden, doch dazu gleich mehr.

Die jetzige de-facto Regierungschefin mit dem exotischen Namen Aung San Suu Kyi ist eine ausgesprochen spannende Frau. Sie steht in einer Reihe mit Mahatma Gandhi, Martin Luther King und Nelson Mandela. Jahrzehntelang kämpfte sie friedlich und unter persönlichen Opfern für eine friedliche Demokratisierung ihres Landes, stand 15 Jahre lang unter Hausarrest der Militärregierung und kämpfte gegen Unterdrückung und soziale Ungerechtigkeit. Sie erhielt den Friedensnobelpreis (als sie noch Darling des Westens war) und erreichte ihr Ziel. Seit Frühjahr 2016 ist sie nun Regierungschefin und Außenministerin in Personalunion.

Mit diversen Rebellengruppen gelang ein Waffenstillstandsabkommen und alles war auf einem guten Weg…bis die Interessen des Westens gestört wurden. Dazu gleich mehr.

Die Rohingya sind kein Volk

Wer sind die Rohingya!? Die Rohingya sind keine eigenständige, gewachsene Volksgruppe, sondern war die Bezeichnung für muslimische  Aufständische, die einen unabhängigen muslimischen Staat an den Grenzen zu Bangladesch erkämpfen wollten (Wikipedia). Erst um 1995 habe sich der Begriff „Rohingya“ als Bezeichnung für eine Volksgruppe verbreitet. Einfach ausgedrückt: Es gibt kein Volk der Rohingya, dies war die Bezeichnung für islamische Aufständische.

Im Laufe weniger Jahre wurde der Begriff auch auf alle Muslime der Region ausgedehnt, die – mit welcher Berechtigung auch immer -  einen unabhängigen islamischen Staat in der Region fordern. Dass die Buddhisten in Myanmar nicht mal eben einen Teil ihres Landes für einen neuen islamischen Staat abtreten wollen, kann man nachvollziehen.

Spannungen zwischen einheimischen Buddhisten und der muslimischen Minderheit

Die Geschichte hat immer zwei Seiten. Die Menschen dieser muslimischen Minderheit  haben es sehr schwer. Sie gelten als staatenlos und illegale Einwanderer...nur woher…keiner will sie haben. Entsprechend groß sind die Spannungen zwischen ihnen und den Buddhisten, die keineswegs zimperlich mit ihnen umgehen. Ein Problem, das seit Jahrzehnten existiert und uns hier nie interessiert hat. In den letzten 5 Jahren (wir haben inzwischen eine neue Regierungschefin, die durchaus versucht eine Einheit im Land herzustellen) schien sich die Situation ganz langsam zu entspannen.

August 2017: Eskalation aus heiterem Himmel - der Westen empört sich

Doch im August 2017 eskaliert die Lage aus heiterem Himmel. In einer konzertierten Aktion werden zeitgleich verschiedene Ziele in Myanmar angegriffen. Die Rohingya Rebellengruppe ARSA übernimmt die Verantwortung. Es kommt zum totalen Chaos…Buddhisten fliehen vor muslimischen Rebellengruppen, die ihre Dörfer niederbrennen, die Muslime flüchten vor Regierungstruppen, die zur Gegenoffensive gegen die Rohingya (die in unseren Medienberichten als unschuldige Opfer dargestellt werden, von den verübten Angriffen der Rebellen ist wenig zu lesen) vorrücken und dabei ganz sicher nicht zurückhaltend sind.

Nochmal zusammengefasst: Aus heiterem Himmel greifen muslimische Terroristen buddhistische Dörfer an, die Armee geht dagegen vor. Die Rebellen tauchen in ihrer Gemeinschaft unter. Die Armee reagiert über und tausende Rohingya flüchten ins Nachbarland Bangladesch. Die westliche Gemeinschaft (NUR die westliche Gemeinschaft) empört sich und nimmt die armen muslimischen Rebellen gegen die böse Regierung in Myanmar in Schutz.

Cui bono? Die Hintergründe: „One Belt one Road“

Warum das Ganze? Was hätte der Westen davon, jetzt Druck auf die Regierung in Myanmar und die bisher so beliebte Regierungschefin auszuüben?

Alles hängt mit der chinesischen Seidenstraßeninitiative „One Belt one Road“ zusammen. Wir haben oft darüber berichtet. Chinas Versuch den eurasischen Kontinent mit Infrastruktur (Schiene, Hafen, Straße) zu verbinden und damit ein eurasisches Wirtschaftswunder unter chinesischer Dominanz zu schaffen. Schlecht für die Bevölkerung in Myanmar, dass ihr Land dabei eine so wichtige Rolle spielt.

Myanmar als Chinas Tor zum Indischen Ozean

China ist in den letzten Zügen der Verhandlungen mit Myanmar um dort den Hafen Kyaukphyu am Indischen Ozean zu einem riesigen Tiefseehafen auszubauen. China will 70-85% der Anteile haben, Myanmar den Rest, die Verhandlungen sind in einer finalen Phase. Zusätzlich soll hier eine Sonderwirtschaftszone mit 10 Milliarden US$ Investitionen entstehen. Myanmar wäre Chinas Tor zum Indischen Ozean und würde stark von Chinas Partnerschaft profitieren.

Hier soll ein Teil des Öls, das bisher mit Tankern aus dem arabischen Golf, an Indien vorbei durch die Straße von Malakka bis nach Ost China gebracht wird, verladen werden. Ein wesentlich kürzerer Weg. Dann soll es per bereits existierender Pipeline nach Südwestchina transportiert werden, wo es zur Weiterentwicklung der Industriegebiete benötigt wird.

Sowohl China als auch die USA haben Interesse, die Sicherheitslage vor Ort zu eskalieren

Wenn Myanmar die Verhandlungen mit China zu Ende bringt, wird es eines der wichtigsten strategischen Zentren für China werden. Tiefseehafen, Sonderwirtschaftszone, Zugang zum Indischen Ozean. Die USA legen derzeit volles Augenmerk auf den chinesischen Vormarsch in Eurasien.

Sowohl China, als auch die USA haben derzeit ein Motiv, die Sicherheitslage in Myanmar eskalieren zu lassen. Die Chinesen präsentieren sich als Garant zur Wiederherstellung und Erhalt der inneren Sicherheit Myanmars. Das würde die Bereitschaft erhöhen China als Schutzmacht, auch zu ungünstigen Konditionen, für die heimische Regierung ins Land zu lassen. Die Verhandlungen über die Beteiligungshöhe am Hafen und auch über andere Großprojekte (Staudamm) laufen derzeit ja auf Hochtouren und der Unruhen erhöhen den Handlungsdruck in Myanmar.

Die USA hätten ein Motiv, wenn sie die Hoffnung haben, mit den Unruhen und dem Druck von außen die Regierung zum Abbruch der Verhandlungen mit China zu drängen oder sogar die Regierung zu stürzen, in der Hoffnung, eine nachfolgende (putschende?) Militärregierung  würde die Verhandlungen mit China beenden und sich dem Westen zuwenden.

Es geht mal wieder um Vieles - nur um eines ganz sicher nicht : Die Rechte der Rohingya.