Die Flügelschläge der Bartmücken zählen mit ca. 1000 pro Sekunde zu den schnellsten in der Natur. In diesem Bereich der Millisekunden bewegt sich auch der Hochfrequenzhandel an der Börse, in denen Börsenaufträge - inklusive Kauf und Verkauf der jeweiligen Positionen - abgeschlossen werden. Einige Tausendstel Sekunden schneller zu handeln, kann schon einen entscheidenden Vorteil bringen – und der Handel wird mittlerweile schon im Nanosekundenbereich (eine Milliardstel Sekunde) gemessen. Um die Schnelligkeit noch weiter zu erhöhen, beschäftigt man sich mittlerweile intensiver mit dem Einsatz von Lasertechnologie. Der Nutzen für den Börsenhandel bleibt in diesem Rahmen ein äußerst kritisch zu betrachtender Faktor.

 „Zeit ist Geld“. Dieses Motto, das Benjamin Franklin zugeschrieben wird, soll den Kaufmann daran erinnern, dass er die Zeit sinnvoll nutzen und nicht vergeuden sollte. Über 250 Jahre später, in Zeiten, in denen Algorithmen und Glasfaserkabel den Takt in der globalen vernetzten Welt vorgeben, lautet die Aussage vielmehr „Echtzeit ist Geld“. Die einzige physikalische Grenze, um weltweit eine Simultanität der Informationsverfügbarkeit zu erreichen, stellt die Lichtgeschwindigkeit dar. „Zero“ ist das Optimum, nach dem im Hochfrequenzhandel strebt. Null Verlust an Zeit ist das Ideal, dem man sich durch den Einsatz von High-Tech annähern möchte – auch wenn es sich nur um verschwindend geringe Bruchteile von Sekunden handelt. Die momentan verwendete Glasfasertechnologie, die schon fast Lichtgeschwindigkeit erreicht, müsste dazu effizienter gestaltet oder ersetzt werden.

Das auf den Hochfrequenzhandel bzw. High Frequency Trading (HFT) spezialisierte Unternehmen Anova Technologies aus Chicago hat die Datenzentren zwischen der New Yorker Börse NYSE und der NASDAQ per Laserapparate, die auf den Dächern von Gebäuden angebracht sind, verbunden. Zwischen den voneinander 60 Kilometer entfernten Data-Centres werden die Information per Laserstrahlen übertragen. Die Idee dafür baut auf der Kommunikationstechnologie auf, die zwischen Kampfjets stattfindet. Laser haben den Vorteil, dass sie direktere bzw. per Luftlinie kürzere Übertragungswege als Kabel haben. Ballons, die eines Tages nach dem Beispiel von Bojen auf den Weltmeeren verstreut sind, könnten in Zukunft ein Netzwerk bilden, um Daten mithilfe dieser Technologie zu übertragen.

HFT steht schon seit Jahren in der Kritik für so genannte Flash Crashs (Blitz-Crashs) verantwortlich zu sein, in denen Börsenkurse urplötzlich und in extremem Ausmaß einbrechen und sich rasch wieder erholen. Der Begriff Flash Crash wurde im Mai 2010 öffentlich bekannt, als der Dow Jones innerhalb von Minuten um knapp 1000 Punkte bzw. neun Prozent fiel und sich nach ca. einer Viertelstunde wieder erholte. Ein außerordentlicher Kurseinbruch fand am 06. Februar dieses Jahres auch beim DAX-Future statt, der um 183 Punkte einbrach und sich nach drei Minuten wieder auf dem ursprünglichen Niveau bewegte. Es wird davon ausgegangen, dass eine Stop-Loss-Welle ausgelöst wurde. Dabei führt das Erreichen eines markanten Kursniveaus, an dem zahlreiche Orders zur Verlustbegrenzung platziert werden, zu einem Domino-Effekt. In kürzester Zeit werden die Verkaufs-Aufträge nacheinander ausgelöst, was für einen rasanten Kursverfall sorgt.

Ob Flash Crashs durch Stop-Loss-Wellen beim HFT, durch menschliches Versagen wie schlichte Tippfehler oder durch Softwaredefekte, Computerpannen etc. ausgelöst werden, ist nicht eindeutig zu beweisen, die Thesen stehen jedoch als mögliche und realistische Ursachen im Raum. Den Befürwortern des HFT, die im Geschwindigkeitsrausch immer neue Algorithmen und Technologien entwickeln, kommt die Uneinigkeit bei den Erklärungsversuchen gelegen. Sie argumentieren, dass dadurch eine höhere Liquidität geschaffen werde, die allen Teilnehmern am Markt zugute käme. Zudem sei HFT keine Einbahnstraße, in der nur Gewinne, sondern in gleichem Maße Verluste zu erzielen seien.

Die auf HFT spezialisierten Unternehmen bzw. Abteilungen von Großbanken wie Goldman Sachs bedienen sich einer Reihe raffinierter Methoden, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Beispielsweise beim so genannten „Quote Stuffing“ werden innerhalb von Sekunden(-Bruchteilen) eine Vielzahl von Aufträgen erteilt, aber direkt wieder gelöscht. Das System, das die Datenflut der Orders verarbeitet, wird dadurch hingehalten. Während es mit den vorgetäuschten Aufträgen beschäftigt - gegebenenfalls sogar überlastet - ist, können vorteilhafte Gelegenheiten entstehen, die gezielt genutzt werden. Gegen derartig manipulative Praktiken wollen die Aufsichtsbehörden vorgehen.

Für den Menschen ist das Tempo des HFT naturgemäß bewusst nicht fassbar. Seine Reaktionsfähigkeit und die kognitiven Fähigkeiten zur Informationsverarbeitung sind im Vergleich äußerst begrenzt. Die fehlende Handlungsmöglichkeit des Menschen bzw. des Privatanlegers im Vergleich zur High-Speed-Software ist vor dem Hintergrund des Gleichbehandlungsgrundsatzes aller Marktteilnehmer höchst fragwürdig. Wenn die finanzstarken Großkonzerne von Nachrichtenagenturen auch noch marktrelevante Informationen vorab bekommen, ist das auf die gleiche Ebene wie die Nutzung von Insiderinformationen zu stellen. So ist es auch geschehen: Der Medienkonzern Thomson Reuters, einer der größten Lieferanten von Finanzmarktdaten, hat Hochfrequenzhändlern Vorabinformationen verkauft, die zwei Sekunden vor der offiziellen Marktveröffentlichung geliefert wurden. In der zeitmäßigen Relation stellt das im wahrsten Sinne des Wortes eine tausendfache - und vor allem gesetzeswidrige - Übervorteilung gegenüber den anderen Marktakteuren dar.

In Deutschland wurde gegen Ende 2012 im Bundestag ein Entwurf zum so genannten Hochfrequenzhandelsgesetz eingebracht, das den blitzschnellen Computerhandel seit dem 15. Mai 2013 regulieren soll. Das Gesetz soll dazu dienen, Gefahren und Missbräuche im Hochfrequenzhandel zu vermeiden. Im Rahmen der EU-Finanzmarktlinie MiFID wurden dem HFT in der Europäischen Union strengere Regeln auferlegt. Aus Sicht der HFT-Skeptiker haben sie auf den ersten Blick einen Durchbruch erzielt. Auf den zweiten Blick bleibt eine Reihe von Kritikpunkten, wie beispielsweise das Inkrafttreten der Richtlinie, die erst 2017 stattfinden soll. Zudem müssen alle Algorithmen, die angewendet werden, eine Prüfung bzw. einen Stresstest unterlaufen. Und eine neue Handelsplattform OTF soll den außerbörslichen Handel besser überwachen können. Derartige Maßnahmen garantieren aber nicht zwangsläufig einen wirksamen Schutz vor Marktmanipulationen. Außerdem müssen die Richtlinien noch vom EU-Rat und dem Straßburger Parlament ratifiziert werden.

Ob die teils sehr schwammigen und dehnbaren Formulierungen sowie die zuhauf stattfindenden undurchsichtigen Handelspraktiken künftige Marktzusammenbrüche bzw. Missbräuche, Manipulationen etc. verhindern können, bleibt bedenklich. Es stellt sich ebenfalls die Frage, ob und inwieweit auf diesen Zeitebenen überhaupt noch vernünftige Kontrollmechanismen möglich sind. Die Frage nach dem Sinn und Zweck, warum es überhaupt notwendig sein sollte, Wertpapiere für Sekundenbruchteile zu halten, ist damit nicht aus der Welt geschafft. Mit dem klassischen Grundgedanken, dass die Börse ein Ort ist, an dem man sich an einem Unternehmen beteiligen kann, hat das offensichtlich nichts mehr gemein. Die gesellschaftliche Funktion des Börsenmarktes, die Wirtschaft mit Kapital zu versorgen, wird ad absurdum geführt.

Der Geschwindigkeitswahn, „Zero“ bzw. Nullkommanichts mal schneller zu sein, scheint keine Grenzen zu kennen – zumindest keine, die uns die klassische Physik setzt. Wissenschaftler träumen teils schon davon, dass Effekte der Überlichtgeschwindigkeit, die in der Quantenphysik gemessen wurden, beim HFT verwendet werden könnten. Die hochkomplexe Materie mag für gewisse Forscher eine faszinierende Herausforderung darstellen, aber ob eine solche Technologie unbedingt im Börsenhandel genutzt werden müsste, sollte separat von ihrer Machbarkeit her bedacht werden.

Politiker, die schon seit Jahren Schwierigkeiten damit zu haben scheinen, zwischen dem vermeintlichen Vorteilen des HFT und ihrer negativen Auswirkungen für das Gemeinwohl der Menschen - beispielsweise auf ihren Einfluss auf die Lebensmittelspekulation und ihre Preisfindung - abzuwägen, werden wohl noch überforderter werden, um die technologische Dynamik regulatorisch zu beherrschen. Die Gefahren, die mit technokratischen Dogmen zusammenhängen, werden kaum diskutiert. Durch Softwarefehler ausgelöste Kettenreaktionen, die mit einer (computer-)viralen Pandemie nicht nur die Börse, sondern auch Infrastrukturen lahmlegen könnten, gehören zu den nicht ganz ausschließbaren Worst-Case-Szenarien.

Die Börse ist durch die technologischen Dimensionen, die bereits erreicht wurden, unberechenbarer denn je, und es fehlt an den zeitlichen Möglichkeiten, darauf zu reagieren. Von diesem Blickwinkel aus betrachtet und überspitzt formuliert, könnte die nächste Krise schon in wenigen Millisekunden vor der Tür stehen.