Als Gründe für die mittlerweile auch bei den Verbrauchern angelangten Preisanstiege wird in der Regel der Ukrainekrieg als wichtigster Faktor genannt, danach folgen „die Lieferketten“. Der Krieg wirkt zwar in einigen Punkten inflationserhöhend, als Auslöser taugt er jedoch nicht. Auch die viel zitierten Lieferketten betreffen zwar viele Produktkategorien, allerdings nicht diejenigen Preistreiber mit dem größten Einfluss auf die Lebenshaltungskosten.

Wenn sich Rigipsplatten, Steckdosen und Waschmaschinen verteuern – falls sie überhaupt erhältlich sind – ist dies ärgerlich für die Betroffenen. Der Anteil der Menschen, die hiervon direkt betroffen sind, ist jedoch überschaubar. Am Essen, Heizen und Wohnen hingegen kommen die Menschen ebenso wenig vorbei wie an der Fortbewegung.

Werfen wir zunächst einen Blick auf die jährlichen Veränderungsraten des europäischen Verbraucherpreisindex. Dargestellt ist die Zeitreihe für den gesamten Index, der alle Kategorien von Wohnen, Energie und Nahrung bis hin zur Freizeitgestaltung beinhaltet (Daten: Eurostat).

 

Der Start des Preisanstiegs ist gut zu erkennen. Er liegt weit vor dem Beginn des Krieges.

Während alle Kategorien des Gesamtindex Anstiege zu verzeichnen haben, stechen die Energiekosten hervor. Die Steigerungsraten in diesem Segment sind enorm und beeinflussen viele andere Kategorien, da Energie für alle Fertigungsprozesse ein relevanter Faktor ist. Zudem sind Öl und Gas nicht nur als Energieträger, sondern auch als Grundstoffe relevant.

 

Der europäische Erdgaspreis stieg bereits lange vor dem Beginn des Krieges spürbar an. Ein besonders windarmes Jahr sowie die Abschaltung von Kraftwerken sorgte für einen erhöhten Gasbedarf, der sich in steigenden Preisen und über das normale Maß geleerten Gasspeichern zeigte.

Die Ausweitung der Abhängigkeit von stark zyklischen Energieträgern wie Wind und Sonne bei gleichzeitiger Abschaltung von Grundlast liefernden konventionellen Kraftwerken hat einen guten Teil zur Steigerung des Gaspreises beigetragen.

 

In windstarken und sonnenreichen Jahren kehrt sich dieser Effekt natürlich um. Auf Sicht eines Jahres sind diese Schwankungen jedoch nicht prognostizierbar, was Energieplaner zur Kenntnis nehmen sollten.

Das Ziel einer „langfristig bilanziell ausreichenden Energieversorgung“ ist ein gefährlicher Traum, der an den Scherz vom Mann erinnert, der seinen Kopf in den aufgeheizten Backofen und seine Füße in den Eiswasserbottich hält und sagt, im Mittel sei die Temperatur angenehm.

Im Rahmen eines Risikomanagements muss dafür Sorge getragen werden, auch in extremen Szenarien noch ein funktionierendes Stromnetz und eine ausreichende Versorgung zu haben.

Das Jahresmittel des europäischen Gaspreises stieg im Jahr 2021 im Vergleich zu 2020 - lange vor dem Kriegsausbruch - um 385 % an. Das Jahresmittel des Strompreises legte in diesem Zeitraum um 280 % zu. Derzeit liegt der Strompreis auf dem Niveau des letzten Quartals 2021. Wird dieses Niveau gehalten, bedeutet dies auf Sicht des Jahres 2022 einen Anstieg von noch einmal 85 % höheren Preisen.

Auch das liegt nicht am Krieg, denn bisher hält der Strompreis lediglich das im Vorjahr bereits erreichte Niveau. In 2021 hatte der Anstieg im späten Sommer begonnen, sodass der Mittelwert des Jahres 2021 durch die niedrigeren Preise in der ersten Jahreshälfte gedrückt wird. Dies lässt sich der folgenden Grafik entnehmen.

 

Wenn die Preise auf dem aktuellen Niveau verharren, ist für das laufende Jahr mit einem weiteren Anstieg des europäischen Gaspreises in Höhe von mehr als 100 % im Vergleich zum Vorjahresmittel zu rechnen.

Angesichts der aktuellen Debatte um die deutsche Energieversorgung, beziehungsweise deren Abschaltung, sollte niemand die Auswirkungen steigender Gaspreise in anderen Ländern unterschätzen.

Wenn das Gas in den USA billig wäre, würde sich in den Staaten kaum jemand gegen Exporte nach Europa aussprechen. Bei einer durch wachsende Exporte getriebenen Nachfrage und entsprechend steigenden Gaspreisen in den USA nimmt das Risiko eines Exportstopps oder zumindest einer Deckelung von Lieferungen nach Europa zu. Etwas anderes zu erwarten ist naiv, was viele nicht daran hindert, es dennoch zu tun.

In einem solchen Szenario hätten die europäischen Politiker den Kontinent von weiten Teilen der weltweiten Energieversorgung abgetrennt. Sollte es dann zu einem akuten Engpass kommen, kann die Preisreaktion an den europäischen Märkten deutlich ausfallen. Die Auswirkungen auf die Inflationsrate wären entsprechend.

Als dämpfende Effekte verbleiben dann die nachlassende Nachfrage seitens der Industrie im Falle einer Rezession, sowie die bereits jetzt sichtbaren Bemühungen der Bürger, ihre Ausgaben trotz steigender Kosten in den Griff zu kriegen. Nichts hilft so gut gegen hohe Preise wie hohe Preise.

Wenn die strukturellen Probleme und die groteske Politik der Notenbank nicht überdacht werden, ist die aktuelle Entwicklung leider erst der Anfang. Da aber der Druck bereits steigt, darf man gespannt sein, wie viele politische „Grundsätze“ in den kommenden Monaten noch über die Reling wandern. Der nächste Winter kommt bestimmt. Daher sollte man die Hoffnung nicht aufgeben. Wie sagt man auf Sizilien so schön: Dunkler als Mitternacht kann es nicht werden.

„Was heißt das konkret für mich!?“

Der aktuelle Preisanstiegszyklus hat deutlich vor dem Krieg begonnen. Wer dies ebenso ignoriert wie die wirklichen Auslöser der Inflation, kann die strukturellen Probleme nicht lösen. Selbst wenn irgendwann der Basiseffekt greift und die Steigerungsraten abnehmen gilt die alte Inflationsregel: Die Kaufkraft, die einmal verloren wurde, gibt es auch bei einem Rückgang der Inflation nicht zurück. Was weg ist, bleibt weg.