In der aktuellen Krise um den Euro und die Finanzen der Staaten, gelten Banker und Spekulanten in vielen populistischen Kreisen als die Hauptschuldigen an der Misere. Doch wie gehen einst erfolgreiche Banker mit einer eigenen Pleite um?

Der Berliner Hartmut Ackermeier hatte Mitte der Neunziger des vergangenen Jahrhunderts alles, was sich die meisten nicht einmal zu erträumen wagen. Ein Immobilienunternehmen, ein Vermögen von knapp 30 Millionen D-Mark, eine stattliche Kunstsammlung und einen Eintrag als einer der 100 weltweit bedeutendsten Experten für moderne Kunst im New Yorker Fachmagazin ARTnews. Nicht schlecht für einen 1939 in einfachen Verhältnissen im provinziellem Mühlheim an der Ruhr geborenen Mann. Im Zug der Immobilienkrise der Neunziger verlor er all sein weltliches Vermögen. Ihm blieben die Freundschaften zu den bedeutendsten Vertretern der zeitgenössischen bildenden Kunst, Schauspielern, Galeristen und viele Geschichten aus einem interessanten Leben.

Wie fühlt man sich nachdem man Millionen verloren hat?

Gut. Es ist eine Frage des Eingewöhnens. Ein kleineres Auto, eine kleinere Wohnung erscheint zunächst als unausstehlicher Abstieg. Ein halbes Jahr hatte ich Verlustängste und Depressionen. Aber ich lernte schnell, dass ich weniger Verpflichtungen und Sorgen hatte. Kein Schwammpilzbefall in Wohnhäusern, keine säumigen Mieter – aber auch keinen Hummer mehr aus dem KaDeWe. Ich merkte, dass ich im Reichtum doch nur wie ein Hamster im Laufrad war. Der Reichtum war ein Geschenk, die Verarmung eine Erleichterung.

Aber Sie müssen doch von irgendetwas leben?

Ich habe eine kleine Rente als Banker. Der Luxus wird halt jetzt klein gemacht.

Und die Kunst? Die Sammelleidenschaft?

Kunst sammelte ich aus einem Komplex heraus. Als kleiner Junge wurde mir bewusst, dass die Nazis im Museum Folkwang in Essen in ihrem Wahn die moderne Kunst zerstört hatten. Ich beschloss meinen Teil zur Wiedergutmachung beizutragen. Ich hatte nie wirklich vor, die Kunst für mich zu behalten. Meine Tochter fragte ich deshalb, als sie achtzehn wurde, ob sie etwas dagegen hatte, dass ich meine Kunstsammlung stiften wollte. Gut, die Eitelkeit, eine persönliche Kunststiftung zu schenken, die habe ich einbüßen müssen. Die Sammelleidenschaft ist immer noch da. Allerdings ziehe ich jetzt mit meinem Fotoapparat durch die Welt und sammele Fotos auf meiner Festplatte.

Womit begann ihre Sammlung?

Als Schüler hatte ich den berühmten Maler und späteren Professor Johannes Gecceli als Kunsterzieher. Bei ihm bemühte ich mich um meinen ersten Job, als Babysitter. Als Bezahlung wollte ich kein Geld, sondern Aquarelle.

Sie waren auch der erste, der ein Bild von Georg Baselitz erwarb?

Ja. Und das ist eine Geschichte, bei der auch Gecceli eine Rolle spielt. Ich war zu einer Studentenparty bei Baselitz eingeladen. Seine Bilder hatte er abgehängt. Beim Gang zur Toilette sah ich den Raum mit den gestapelten Bildern und es war um mich geschehen. Es waren die Farben, nicht die Ästhetik, eine Aggressivität, wie ich sie bei Goya empfinde. Ich wollte das Bild, ein Werk mit Blautönen kaufen, Baselitz verlangte 1000 DM, was mir ungeheuer viel erschien. Doch auch ein kleineres Bild, sollte 1000 DM kosten. Ein Werk von Professor Gecceli war seinerzeit 400 DM wert. Doch der Wille zum Erwerb überwog alles. Ich verkaufte einen Gecceli bei der Galerie von Rudolf Springer und ging Kellnern, bis ich das Geld für den Baselitz zusammen hatte.

Gina Friedrich, Ackermeiers Lebensgefährtin mischt sich ein:

Diese Geschichte, die ich in einem Kunstkatalog las, war der Grund für mich, mich in diesen Mann, der mir damals unerreichbar schien zu verlieben.

Außer Baselitz hatten sie ja auch sehr viel von Lüpertz.

Ja. Beim Wert meiner Sammlung überwog jedoch Baselitz mit knapp 80 Prozent. Der angesprochene Katalog enthielt übrigens auch noch eine Ergänzung der Geschichte. Ich bat darin Professor Gecceli öffentlich, ob mir verzeihen könne, was ich tat. Jahre später las ich ihm bei einem Telefonat den Text vor, und er brüllte förmlich durchs Telefon „Ja!“. Bis zu seinem Tod waren wir danach per Du. Mein Kunsterzieher sah in meinem Schritt den Beitrag meiner Generation zur Weiterentwicklung der Kunst.

Wieso malten Sie bei so viel Kunstverständnis nicht selbst auch?

Ich habe es versucht, aber merkte schnell, dass das nicht mein Ding war.

Und die Kreativität der Kunst? Passt die zum Beruf des Bankers?

Ursprünglich wollte ich Architekt werden. Ein Onkel erklärte mir, dass ich im gerade im Wiederaufbau befindlichen Deutschland damit ein paar Jahre zu spät käme. Alle Architekten wären bei meinem Studienabschluss bereits arriviert, meinte er. Wir lebten in einfachen Verhältnissen, ich wollte Geld verdienen, um Kunst zu kaufen. Also machte ich zunächst eine Banklehre, um danach BWL zu studieren.

Und das Studium brachte Sie nach Berlin?

Über den Umweg Spanien, ja. Meine Bank hatte mich nach Spanien geschickt. Ich lernte bereits Spanisch für einen Auslandseinsatz in Südamerika. Die Bank wollte mich nach Argentinien schicken, ich aber wollte das für mich kulturell interessantere Mexiko. Es gab keine Einigung und ich hatte mich, 1961, bereits für die FU Berlin beworben als mich ein Brief meines Vaters erreichte. Er hatte versucht meine Einschreibung auf Köln umzuleiten. Entsetzt rief ich per R-Gespräch bei ihm an. „In Berlin stehen sich die Panzer gegenüber, die bauen eine Mauer“, meinte er. „Es ist Juni und bis November sind die Panzer wieder weg. Außerdem bin ich volljährig“, antworte ich und zog nach Berlin. Bis die Mauer wieder fiel dauerte es allerdings etwas.

Wo haben sie das erlebt?

Auf der Mauer am Brandenburger Tor – bis mich die Polizisten aus dem Osten mit dem Wasserwerfer runterstürzten. Alle jubelten und schrien wegen des Falls der Mauer. Ich war so begeistert, dass ich erst zwei Tage später meinen verstauchten Knöchel bemerkte.

Kannten Sie den Osten vorher? Haben Sie nun Ostberlin erkundet?

Ich muss gestehen, dass ich in vielen Nebenstraßen des Berliner Ostens noch ein Navigationsgerät brauche. Im Westen kenne ich jeden Winkel. Aber, seit mit den Ostverträgen von Willy Brandt die Reisen bis zu 200 km Umkreis in die DDR möglich wurden, unternahm ich regelmäßig Erkundungstouren. Ziel waren dabei immer Kunstwerke und Baudenkmäler. Nach Dresden, zum Zwinger, den ich unbedingt sehen wollte, gelangte ich bei einer Transitfahrt von Prag nach Berlin. Verbotenerweise verließ ich die genehmigte Route und meine Mitfahrer wähnten uns schon alle im Gefängnis. Aber nichts passierte. Bei meinen Touren durch die DDR entdeckte ich auch Stralsund, wo nun ein Neffe von mir wohnt, weil ich ich davon vorschwärmte. Gina (die Lebensgefährtin) kaufte im der Harz-Saale-Unstrut-Gegend ein Ruine aus der Barockzeit mit einem Anbau der zwanziger Jahre. Die Renovierung ist unser Hobby.

Am nördlichsten Punkt der Weinstraße? Zieht es viele Senioren nicht gen Süden?

Gen Süden, zum Beispiel nach Sizilien, wo es ähnliche Gelegenheiten gibt, braucht man ein Flugzeug. Hier ist es nur eine mittlere Autofahrt.

Aber es ist doch nicht so warm?

Ja aber es ist deutsche Baukultur. Ich bin politisch links, kunstgeschichtlich aber eher an der Erhaltung des nationalen Erbes interessiert. Besonders die Zeit des Barock bis zur Romantik, dem deutschen goldenen Zeitalter der Kunst. Sehen sie, ich liebe die deutsche Musik und leide darunter, dass die deutsche Malerei weltweit nicht den Rang der überall gehörten deutschen Klassik hat. Aber im Barock, da war eine Blüte der deutschen Kunst.

Das lernt man doch nicht alles in einer Bank oder bei BWL?

Nein. Ich hatte das Glück, dass damals ein Studium Generale noch üblich war. Mittelhochdeutsch und Kunstgeschichte waren meine Lieblingsfächer. Die Betriebswirtschaftslehre diente nur dazu, Geld zu verdienen.